Generationen im Wandel: Jeder hat es in der Hand

// 11. Oktober 2017 More

In seiner aktuellen Studie „Generation Global“ untersucht das Zukunftsinstitut Bewegungen und Veränderungen in Gesellschaft, Ökonomie und Politik. Das Szenario, das sie zeichnet, nennen die Zukunftsforscher: GLOKALITÄT. Es beschreibt eine Welt, in der Ökonomie und Geist, Technik und Natur, Wandel und gewachsene Kultur in ein neues Verhältnis treten. Globalisierung gehe in alle Richtungen, erfasse weltumspannend alle Gesellschaften, Kulturen, so ihre Prognose. Die technologische Entwicklung und die rasante Veränderung der Lebensumstände lassen zudem den Menschen immer schneller einer anderen Generation angehören.

Zum Thema und seinen möglichen Einflüssen auf die Augenoptik interviewte OPTIC+VISION Christoph Engelberg, Inhaber von Monra Consulting. Der aus der Branche kommende Unternehmensberater und Coach hinterfragt seit 15 Jahren den Mindset, um ihm Impulse und originären Input für einen Wandel zu geben – der eigentlich schon längst begonnen hat.

CHRISTOPH ENGELBERG, BEI SEMINAREN UND STAMMTISCHRUN  DEN MIT AUGENOPTIKERN UND UNTERNEHMEN BEKOMMEN SIE VIEL VON DER STIMMUNGS UND GEFÜHLSLAGE DER BRANCHE MIT. INWIEWEIT IST SIE BEREITS VOM GLOBALISIERUNGSPROZESS ERFASST?
Unzählige virtuelle Geschäft e und Onlineshops werden aus aller Welt in unsere Wohnzimmer projiziert. Das Interesse an Beratungsgesprächen sinkt. Wir vertrauen Rezensionen und Onlinebewertungen Fremder mehr als dem Rat des Fachmanns. Die Industrie wiederum bedient das Eigenengagement der Kunden, bietet Plattformen und Tools an, die es ihnen ermöglichen, diese neue Freiheit auszuleben. Onlineshops machen Direktbestellungen ab Werk möglich. So bauen die Hersteller ihre Brücken zum Endverbraucher aus und bekommen sein direktes Feedback zu Erfahrungen und Wünschen. Nicht zu vergessen: Produkte werden günstiger, denn wenn Unternehmen digitalisieren, werden Prozesse verlagert, der Kunde übernimmt die Arbeit. Die Herausforderungen für die Unternehmen sind enorm: Mehr und mehr Produkte werden zu Apps, wir konstatieren die steigende Macht der sozialen Netzwerke, die zunehmende Vernetzung von Objekten mit dem „Internet of Everything“, und insgesamt das Aufkommen von Big Data durch die Explosion der verfügbaren Daten.

DIE AUGENOPTIK VERÄNDERT SICH MIT GROSSEN SCHRIEN. NEUE HYBRIDS POSITIONIEREN SICH ZWISCHEN DEN POLEN „STATIONÄR“ UND „ONLINE“, INTERNATIONALE UND NATIONALE ZUSAMMENSCHLÜSSE, KOOPERATIONEN ODER JOINT VENTURES ÜBERWINDEN JEDWEDE GEOGRAPHISCHEN GRENZEN. DOCH WIE SIEHT ES AUS MIT GRENZEN ODER MÖGLICHEN GRENZÜBERSCHREITUNGEN IN DEN KÖPFEN, BÄUCHEN UND HERZEN DER MENSCHEN?
Neue Player brechen mit innovativen Geschäftsmodellen in traditionelle Branchen ein und hebeln etablierte Marken und Unternehmen aus. Und dies ist erst der Anfang! Ich nehme übrigens immer wieder wahr, dass Kollegen über Dinge diskutieren, die nicht zu ändern sind – und dabei nicht merken, dass sie sich mehr mit dem anderen beschäftigen als mit sich selbst. Jeder Vergleich mit anderen lähmt vor allem die eigene Energie und die eigene Kreativität. Investieren Sie diese Zeit und Energie, um an sich selbst zu arbeiten und neue Ideen für Ihr eigenes Unternehmen zu entwickeln! Kollegen können sich zusammenschließen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Sie werden feststellen, dass die vermeintlichen „Feinde“ viele ähnliche Probleme und Fragen haben wie Sie selbst; dass es zwischen den lokalen mittelständischen Augenoptikern eines Ortes oder Einzugsgebiets viel mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Tauschen Sie sich über Produkte oder Dienstleistungen aus. Wenn große Firmen – oft ehemalige Konkurrenten – sich zusammenschließen, tun diese auch nichts anderes, als gemeinsame Ziele zu formulieren und zu verfolgen.

REICHT ALS FACHHÄNDLER HEUTE EINE IDENTITÄT  BRÄUCHTE MAN NICHT X IDENTITÄTEN, DIE SICH WIE DER FARBWECHSEL DER HAUT DES CHAMÄLEONS AN DIE JEWEILIGE SITUATION, DEN JEWEILIGEN KUNDENMINDSET ANPASSEN?
Durch die Automatisierung und die rasanten Entwicklungen der Märkte kommt es schnell zum „Digitalen Darwinismus“. Ein Begriff den Kollege K.H. Land geprägt hat. Wenn Märkte und Technologie sich schneller entwickeln, als der Mensch bereit ist, sich zu verändern, dann kommt es zum Darwinismus, zum Aussterben. Weltmarktführer wie Nokia, Neckermann, Quelle, Agfa, Kodak sind diesem Wandel bereits zum Opfer gefallen, weil sie die Veränderungen der Zeit nicht erkannt haben oder nicht darauf eingehen wollten. Es ist demnach keine Garantie, Marktführer zu sein. Die veränderten Kauf- verhalten und Wünsche der Kunden machen vor keinem Halt. Das soll aber nicht heißen, dass ein Unternehmen auf jeden neuen Zug aufspringen muss. Es sollte sich jedoch mit den Veränderungen auseinandersetzen und verstehen, wo ein Umdenken erforderlich ist.

WIE KANN DER TRADITIONELLE AUGENOPTIKER SEINE POSITION IN DIESEM WANDLUNGSPROZESS NEU AUSRICHTEN?
Die Bereitschaft zur Anpassung ist das eine. Der Mut, sich selbst und seine Vision zu leben, eine andere. In den Spiegel schauen und kritisch das eigene Handel auf den Prüfstand stellen. Sind meine Leistungen und Angebote das, was der Kunde sucht? Viele Kollegen schauen auf die Strategien der Mitbewerber, sei es der Filialist oder der Kollege von nebenan. So nimmt die Vereinheitlichung von Strategien oder auch Werbeaussagen zu, die dann, fälschlicherweise, oft als Kundenwunsch oder als Nachfrage des Marktes interpretiert wird. Deshalb stelle ich dem Unternehmer oft die Frage, ob er denn wirklich diese Kunden haben möchte, die der Kollege anspricht. Oft kommt dann ein: „Nein, eigentlich nicht.“ Das ist die beste Grundlage, selbst in den Spiegel zu schauen: Wo liegen meine Stärken, wo die Schwächen, wie sieht das Marktpotential vor Ort aus? Nicht alle Kunden wollen heute im Internet kaufen. Ganz im Gegenteil. Ein ebenso großer Anteil legt viel Wert auf Qualität, Kompetenz und persönliche Beratung.

WIE GUT MUSS ER SEINEN MARKT, SEINE KUNDEN KENNEN UND VERSTEHEN?
Wer aufmerksam ist und nicht nur sein Unternehmen, dessen Produkte und Leistungen im Blick hat, wird mitbekommen, was Kunden wollen. Es fällt oft nur schwer, sich im Alltag mit all seinen Aufgaben und Verantwortungen voll und ganz auf den Kunden auszurichten. Kundenbedürfnisse und Wünsche verändern sich ja rasant. Vorausgesetzt der Unternehmer ist bereit, gewohnte Pfade zu verlassen, kann hier ein erfahrener Berater helfen, diese Veränderungen gemeinsam mit dem Unternehmer zu analysieren und in Strategien umzusetzen. Die Offenheit und das Vertrauen in die eigene Arbeit erschließen hier von ganz alleine neue Tätigkeitsfelder und Chancen.

STICHWORT DIGITALISIERUNG: WIE KANN DER AUGENOPTIKER ÄNGSTE UND VORBEHALTE LOSWERDEN, BEZIEHUNGSWEISE CHANCEN FÜR SICH ENTDECKEN UND NUTZEN?
Wir entwickeln uns alle weiter. Wir leben von technischen Errungenschaft en und neuen Entwicklungen. Die Chancen in der Augenoptik liegen darin, die Vorzüge der Technologie zu nutzen und sie gewinnbringend für sich einzusetzen.

WAS KANN DIE GESELLSCHAFT, WAS DIE AUGENOPTIK VON DER GENERATION GLOBAL ERWARTEN? EINEN NEUEN OPTIMISMUS IN DER GESTALTUNG DER ZUKUNFT?
Ich stelle fest, dass die Menschen neben den Vorzügen der neuen Medien und dem Einsatz von Technologien ein immer stärkeres Bewusstsein für Werte entwickeln. Werte, die mit dem Wunsch nach Nachhaltigkeit und Herkunft , nach menschlichen Werten wie Rechtschaffenheit und Anstand und vor allem mit Vertrauen einhergehen. Dazu kommen noch die Wünsche nach Werterhalt und dem Gefühl von Qualität. Es gibt mittlerweile einen Gegenpol, der neben Technologie und Hightech, analoge Produkte wieder aufleben lässt. Ein neues Denken kommt in Bewegung. Unser Verlangen nach menschlicher Nähe, nach persönlichen Kontakten wächst. Solange es keine App gibt, die die Gefühle beim Anprobieren der Brille wiedergeben kann, wird es Menschen geben, die eine fachkundige Meinung wertschätzen. Dienstleistung, Erfahrung, und Kenntnis werden zu einem bedeutenden Gut. Ebenso die Zeit, die der Optiker einem Kunden widmet.

SEHEN SIE GRUNDLEGENDE VERÄNDERUNGEN DURCH DEN GENERATIONENWANDEL IN DER ARBEITSWELT DES AUGENOPTI KERS? STICHWORTE: FLEXIBLE ARBEITSZEITEN, SELBSTVERWIRKLICHUNG, ABLEHNUNG STRENGER HIERARCHIEN …
Ich gehe davon aus, dass eine zunehmende Verschmelzung von stationärem und Online- Handel stattfinden wird. Kunden möchten gerne selbst entscheiden, wann und wo sie Geld ausgeben und ihre Bedürfnisse befriedigen können. Einkaufen am Wochenende oder abends auf der Couch mit einem Mausklick nach 22 Uhr wird zur Normalität. Optiker werden bestimmt über kurz oder lang die Möglichkeit haben, ihre Kunden auch über diese „Connecting Area“ zu bedienen. Wer das nicht möchte, verliert vielleicht Kunden an einen Online-Anbieter – auch wenn der Kunde jahrelang mit Ihnen zufrieden und Ihnen treu war. Vergessen wir aber auch nicht: All diese Entwicklungen, der Wandel schafft neue Tätigkeitsfelder. Sei es, dass in einem Unternehmen Mitarbeiter für Software und Techniktätig sind oder Crowdworking an der Tagesordnung ist. Sie sprechen in Ihrer Frage die Punkte Hierarchien und Selbstverwirklichung an. Das passt sehr gut zum Thema Arbeitszeiten. Die eigene Zeit ist für viele ein wichtiges Thema. Nicht nur Familien, in denen beide Eltern verdienen, sind heute in der Gesellschaft an der Tagesordnung. Auch die Wünsche vieler Mitarbeiter, die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen zu übernehmen, werden immer wichtiger. Wer als Unternehmer flexibel ist und Lösungen schafft , die allen, also auch dem Mitarbeiter zugutekommen, wird auf der Suche nach qualifiziertem Personal erfolgreich sein.

WAS DENKEN SIE, WELCHE AUSWIRKUNGEN LÄSST DER GENERATIONENWANDEL FÜR DIE BRANCHENINSTITUTIONEN VORHERSEHEN, FÜR DAS BERUFSPOLITISCHE MINDSET DER AUGENOPTIK?
Verbände und Organisationen sind Interessensvertreter für den jeweiligen Fachbereich. Für sie gilt das Gleiche wie für jeden Unternehmer an seinem Standort: Stellt man sich den Veränderungen oder hält man an den alten Systemen fest? Wer sich als selbstbestimmtes Wesen oder eben Organisation erkennt, der beginnt zu handeln. Wer abwartet, was die Zeit, was die Marktveränderungen bringen, wird schnell zum Spielball derselben. Jeder hat es in der Hand, seinen Markt zu beleben und seine Ziele selbst zu bestimmen. Nicht reagieren, agieren ist die Devise.

Das Interview führte Angela Mrositzki.

Bild: Fotolia.com

 

Category: Branche + Ideen, OV

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