Sein oder Nichtsein in der Augenoptik, BENJAMIN WALTHER?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview

Benjamin Walther (Foto: Der Augenoptiker)

BENJAMIN WALTHER
Der Augenoptiker, Leer

Herr Walther, gibt es in der Augenoptik heute genug Raum für individuelle Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, für persönliche Visionen?

Ganz klares Ja! Ein Konzept muss her, und dann radikal konsequent danach agieren.

Wo sehen Sie für die augenoptische Branche derzeit die größten Verunsicherungen – oder positiv gedacht, die größten Herausforderungen?

Ganz einfach: Da fast alle im „Mainstream“ schwimmen, aber die Gesellschaft immer mehr individualisiert, ist nicht nur Platz für „Exoten“, sondern bedarf es solcher, die sich an den Seh-Bedürfnissen der Konsumenten orientieren und von diesen dann auch entsprechend honoriert werden. Und zwar nicht auf der Schiene „Schnell-schnell und möglichst billig!“

Gibt es Bereiche, wo Sie meinen, dass eine Wesensveränderung der Augenoptik gut täte?

Na klar – siehe mein youtube-Kanal! Wir dürften deutschlandweit einmalig damit sein …

Ist die Industrie unter Umständen dem Fachhandel voraus in der technologischen Schnelligkeit, dem (nicht zuletzt wirtschaftlichen) Druck, mit dem Innovationen eingeführt werden? Oder geht man im gleichen Tempo in dieselbe Richtung?

Nein, die Industrie agiert auch nur in Richtung Gewinnmaximierung – was ja nicht zu verübeln ist. Wir einzelnen Augenoptiker müssen aber darauf achten, dass wir Partner der Industrie bleiben und Bindeglied zwischen Industrie und Konsumenten. Es muss so bleiben, dass beide Seiten uns brauchen!

„Es muss so bleiben, dass beide Seiten uns brauchen!“

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Das Wichtigste fehlt in Ihrer Aufzählung: 60 Prozent des menschlichen Kortex wird nur für die Sehverarbeitung benutzt. Das Sehen: Darum geht es in Wirklichkeit in der Augenoptik. Und das haben viele – vielleicht die meisten? – schon vergessen oder vergraben oder belächeln es müde. Gut für „die Exoten“!

Ist die Augenoptik für die Zukunft gut aufgestellt? Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

Thomas Kochniss sagte: „Strebe niemals nach den Dingen, die auch Dümmeren gelingen.“ Also bleibt uns „Einzelkämpfern“ doch nur,
BESSER zu arbeiten!

Ophthalmologen haben Augenheilkunde studiert, therapieren also Krankheiten der Augenbiologie mit Chemie in Form von Medikamenten (oder noch lieber mit Katarakt-OPs). Augenoptiker beeinflussen die Physiologie des Menschen mit Physik. Manchmal verbessern sie sogar ganz entscheidend Lebensqualität: Youtube: „Kopfzwangshaltung“. Und sie haben verstanden, dass es nur EINE Sorte „prismenfreie Brillen“ gibt – die auf dem stillen Örtchen.

Wer dann noch versteht, dass über 50 % der Bevölkerung in Deutschland presbyop ist und daher KEINE „Lesebrille“ benötigt, die man schon im Mittelalter nutzte, sondern eine multifokale Sehhilfe, die seit über 60 Jahren industriell gefertigt wird, hat schon ganz viel begriffen. Wer dann auch noch beste Augenglasbestimmung lebt, konsequent mit allem, was dazugehört, hat schon gewonnen. Und dem geht es immer besser, je mehr „Filialisten“ es gibt – denn der Unterschied zum eigenen Geschäft und Tun wird immer größer.

Immanuel Kant „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

Peter Bereck, DER Goldschmied des Westens: „Allen Menschen ist das Denken erlaubt. Einigen bleibt es erspart.“

Fühlen Sie Ihre Interessen durch die berufspolitischen Institutionen gut vertreten? Sind Verbände als Interessenvertreter noch zeitgemäß und sinnvoll? Oder braucht es eine Erneuerung in diesem Bereich?

Ich könnte es nicht besser und ich bin dankbar für die, die es tun, und ihnen dankbar, dass sie es tun.

Vielen Dank für das Interview, Herr Walther.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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