Sein oder Nichtsein in der Augenoptik, DETLEF GÖTTLICH?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview

Detlef Göttlich (Foto: Rodenstock)

DETLEF GÖTTLICH
Geschäftsführer DACH von Rodenstock

Herr Göttlich, welche zukunftsweisenden Entwicklungen sehen Sie aufseiten der Industrie? Welche Anforderungen und Bedürfnisse aufseiten des augenoptischen Fachhandels?

Rodenstock hat auch Anfang dieses Jahres eine Vielzahl an bahnbrechenden und zukunftsweisenden Entwicklungen vorgestellt, unter anderem die DNEye-Pro-Technologie, ein ganzheitliches Analysekonzept. Wir bringen Produkte erst dann auf den Markt, wenn sie das konkrete Bedürfnis des Brillenträgers adäquat befriedigen können. Der Endverbraucher soll sich nicht an ein neues Produkt gewöhnen müssen, sondern das Produkt muss auf ihn abgestimmt sein. Oder anders ausgedrückt: Der Brillenträger muss einen unmittelbaren und spürbaren Nutzen dadurch haben.

Anforderung aufseiten des augenoptischen Fachhandels ist sicherlich der Wunsch, einen verlässlichen und starken Partner an seiner Seite zu haben, um sich im steigenden Wettbewerb, also zunehmender Kettenkonzentration, Onlinehandel etc. positionieren und vor allem differenzieren zu können. Wir verfolgen erfolgreich die Strategie, ganzheitliche Mehrwertkonzepte für und auch zum Teil mit unseren Vertriebspartnern zu entwickeln. Unsere Schwerpunkte sind Innovationen „engineered in Germany“, hochwertige Produkte und ein exklusiver Service. Rodenstock verhilft Augenoptikern so zu nachhaltigem Erfolg.

Fusionen, Übernahmen, Joint Ventures sind auch in der Augenoptik Normalität: Wie leicht oder schwer haben es Unternehmen heute, eine (ihre) Identität zu definieren, in einem weltumspannenden globalisierten Markt und bei einer großen Marktdynamik mit sich verändernden Kräfteverhältnissen (Beispiel Zusammenschluss von Essilor und Luxottica)?

Für Rodenstock bedeuten Fusionen wie beispielsweise die von Essilor und Luxottica zunächst einmal eine Bestätigung unseres Geschäftsmodells. Schließlich bieten wir schon seit 140 Jahren Gläser und Fassungen aus einer Hand an. Wir glauben auch, dass die Fusion für uns mehr Chance als Bedrohung darstellt. Es ist mir wichtig zu betonen, dass Rodenstock seiner Strategie als unabhängiges Unternehmen treu bleibt und auch nicht über Onlinehandel oder eigene Geschäfte in direkte Konkurrenz zu dem Augenoptiker treten wird. Dabei stellen wir fest, dass der Fachhandel unsere klare Strategie und Positionierung in einem für Augenoptiker kaum noch zu überblickendem Wirrwarr an Zusammenschlüssen honoriert. Wir sind und bleiben ein verlässlicher Partner. Dafür stehen wir mit unserem Namen.

Mit Picasso gefragt: Sehen Sie heute in der Augenoptik auf Industrie- und Handelsseite noch „Unternehmer-Originale“, die beispielhaft für eine Vision, für Ideale, für bestimmte Werte stehen?

Ja! Ich gebe aber zu, dass das eine sehr berechtigte Frage ist, da wir in einer Zeit leben, in der Werte oftmals auf einem Papier stehen, aber in der Praxis kaum noch Anwendung finden. Ich möchte nicht für oder über andere sprechen, jedoch kann ich ganz sicher unterstreichen, dass Rodenstock ein Unternehmer-Original ist. Der Firmengründer Josef Rodenstock war schon von der Vision getrieben, jedem Menschen zu einem besseren Sehen zu verhelfen und Innovationen zu schaffen – er galt schon damals als Pionier des Sehens. Das hat sich bis heute nicht verändert. Themen wie „Innovation“, „Deutsche Ingenieurskunst“ und „Begeisterung“ sind in unserer Unternehmenskultur fest verankert und werden von den Mitarbeiten gelebt. Im Fokus steht für uns das Streben, den Zeitgeist immer weiterzuentwickeln und den Augenoptikern als Seh-Experte zur Seite zu stehen. Seit über 140 Jahren stehen unsere Produkte für beste Qualität, anspruchsvolles Design, Handwerkskunst und technisches Know-how auf höchstem Niveau. Spürbar wird dieses Streben in unseren Produkten: Heute sind es die Summe vieler innovativer Details, die ein Rodenstock-Brillenglas und eine Brillenfassung einzigartig machen.

„Im Fokus steht für uns das Streben, den Zeitgeist immer weiterzuentwickeln und den Augenoptikern als Seh-Experte zur Seite zu stehen.“

„Überall bahnt sich Verunsicherung ihren Weg. Politisch. Gesellschaftlich. Generationsübergreifend. Jede Schicht hat ihre Krise. Das gewohnte Wachstums- und Wohlstandsmodell wird mehr und mehr infrage gestellt. Auch die Augenoptik ist nicht immun gegen Verunsicherungen. Technologischer Fortschritt, die Herausforderungen der Digitalisierung, wirtschaftlicher Druck, nicht zuletzt der Mangel an qualifizierten Fachkräften in der Augenoptik …“

Wo sehen Sie für die augenoptische Branche derzeit die größten Verunsicherungen?

Ich bin der Meinung, dass sich ein guter Augenoptiker grundsätzlich nicht verunsichern lassen muss. Die meisten von Ihnen genannten Punkte sind ja nicht neu und wir müssen lernen, diese als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen. Auf jeden genannten Punkt, aber auch in Summe gibt es jetzt schon sehr gute Ansätze und Lösungen. Entscheidend ist, frühzeitig die Entwicklungen zu erkennen und seine eigene Positionierung zu schärfen und wenn nötig anzupassen. Natürlich werden sich gewisse Entwicklungen im Kettengeschäft, Onlinehandel aber auch mit anderen neuen Marktteilnehmern abzeichnen, wie das in anderen Branchen auch der Fall ist. Insbesondere in der Augenoptik gibt es extrem viele Möglichkeiten, sich als unabhängiger Augenoptiker von anderen Anbietern und Vertriebskanälen zu differenzieren – sei es über das Produktsortiment, die persönliche Beratung, die Vermessung, einen ausgezeichneten Service. Der Fachhandel wird sich nicht durch andere Vertriebskanäle ersetzen lassen.

Wie mutig ist man, wie offen für Zukunft, oder scheut man sich – wo Goethe davor warnt – vor neuen Ideen, neuen Geschäftsmodellen?

Forschung und Entwicklung bzw. neue Ideen zu haben und diese zu realisieren, bedeutet immer, technische Hürden nehmen zu müssen, denn man betritt oft absolutes Neuland. Dies ist eine Herausforderung, der wir uns bei Rodenstock gerne stellen – immer mit dem Ziel vor Augen, Innovationen mit erlebbaren Kundennutzen zu schaffen. Wir bringen nur Dinge auf den Markt, die ausgereift sind und dem Brillenträger einen Produktvorteil und einen erlebbaren Mehrwert bringen.

Wir haben in einer vorangegangenen Frage das Thema Werte schon einmal aufgegriffen. Neue Geschäftsmodelle sind gut und wichtig, dabei ist es aber auch entscheidend, seine Werte immer zu achten und glaubwürdig zu bleiben. Somit unterstützen und begleiten wir unsere Partner in vielerlei Hinsicht auch neue Wege zu gehen und dabei den gemeinsamen Erfolg nicht aus dem Auge zu verlieren.

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Grundsätzlich ja. Es ist eindeutig festzustellen, dass die Verunsicherung zunimmt, was sicherlich auch darin begründet ist, dass nahezu jeden Tag eine angeblich neue Bedrohung skizziert und im Sinne aktueller Gepflogenheiten „Nur eine schlechte Nachricht, ist auch eine gute Nachricht“ an den Fachhandel herangetragen wird. Betrachten wir die Gesamtheit mal aus der Vogelperspektive, dann ordnet sich sehr viel und die zunehmend wenig trennscharfen Veränderungen bekommen auf einmal eine klare Struktur. Jede für sich kann man greifen, erklären und auch deren Auswirkungen beschreiben. Wichtig ist doch dabei, die für sich entscheidenden Herauszugreifen und seine persönliche Strategie zu hinterfragen, feinzutunen und somit einen erfolgreichen Weg zu gehen. Nehmen wir z.B. den schnellen Fortschritt der Digitalisierung, dann werden wir feststellen, dass sie den Verkaufsprozess und die Produktangebote weiter revolutionieren und somit auch das Geschäftsmodell der Augenoptiker maßgeblich eben auch positiv beeinflussen wird. Bereiche wie digitale Vermessung, 3D-Druck von Fassungen oder der Onlinehandel werden sich schnell weiterentwickeln. Dabei wird es darauf ankommen, in wie weit sich auch der augenoptische Fachhandel auf diese Trends einlässt und die Entwicklungen für sein eigenes Geschäft annimmt und nutzt.

Ist die Industrie unter Umständen dem Fachhandel voraus in der technologischen Schnelligkeit, dem (nicht zuletzt wirtschaftlichen) Druck, mit dem Innovationen eingeführt werden?

Bei Neuentwicklungen bzw. Realisierung von Innovationen ist der Augenoptiker das essenzielle Bindeglied und die Schnittstelle zwischen unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung in unserem Münchener Standort und dem Endverbraucher. Somit ist er ein sehr wichtiger und wertvoller Multiplikator, vor und bei der Neuentwicklung. Nur wenn ein erlebbarer Nutzen für den Augenoptiker und den Endverbraucher gegeben ist, kann jeder engagierte Partneroptiker die Innovation auch für seinen Erfolg nutzen. Je nach Projekt werden unsere Partneroptiker in unterschiedlichen Stadien eingebunden: Zum einen fragt Rodenstock die Augenoptiker vorab nach deren jeweiligen Bedürfnissen, um zielgerichtete Lösungen anbieten zu können. Weiterhin werden Rückmeldungen unserer Partner nach der Erarbeitung eines Konzepts und vor dem Start der Entwicklung eingeholt. Häufig sind unsere Partneroptiker kurz vor der Markteinführung in der Testphase bzw. bei Pilotstudien involviert. Nach dem Roll-out werden über unsere Marktforschung nochmals die Meinungen der Partneroptiker eingeholt, um gegebenenfalls Verbesserungen durchführen zu können. Was aber von unsren Kunden mit Recht zu erwarten ist, ist die Tatsache, dass wir Entwicklungen, ernstzunehmende Trends, Veränderungen im Markt, sich verändernde Kundenbedürfnisse, etc. frühzeitig erkennen und immer da sind, wo der Ball hinkommt und nicht da sind, wo der Ball ist. Lassen Sie mich kurz Pablo Picasso zitieren, denn der sagte, er sei „ein Schüler seiner Erfahrungen“. Das sind wir auch, denn wir lernen aus all unserer Erfahrung und das schon seit über 140 Jahren.

Vielen Dank für das Interview, Herr Göttlich.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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