Sein oder Nichtsein in der Augenoptik, ELISABETH GANDL-SCHILLER?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview

Elisabeth Gandl-Schiller (Foto: Schiller Optik)

ELISABETH GANDL-SCHILLER
Schiller Optik, München

Frau Schiller, wie ist es um Ihre Identität als Augenoptikerin bestellt?

Ich bin schon sehr lange in der Augenoptik tätig, und zwar in unterschiedlichsten Funktionen. Vor fünf Jahren habe ich noch einmal einen kleinen Laden aufgemacht, mit sehr individueller Arbeitsweise. Das ist interessant und frustrierend zugleich. Von Kollegen wird man belächelt, von Kunden geliebt. Die Kundenfrequenz ist nicht so hoch, wie ich mir das wünsche, aber jeder einzelne Kunde ist ein besonderer Kontakt. Es bleibt kein oberflächlicher Einkauf. Ich denke, die Schere geht auch auf diesem Gebiet auf. Es wird den schnellen, einfachen Kauf geben – Ketten oder Internet – und den sehr spezialisierten, mit eigenen Schwerpunkten. Der „kleine“ Allrounder dürfte es meiner Meinung nach schwer haben.

„Von Kollegen wird man belächelt, von Kunden geliebt.“

Gibt es in die Augenoptik heute genug Raum für individuelle Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, für persönliche Visionen?

Da ich mich als „Visionär“ fühle, glaube ich selbstverständlich daran, dass es noch viele Möglichkeiten in der Augenoptik gibt, um sich zu verwirklichen. Allerdings bemängele ich, dass es in der Ausbildung keinen Platz für Visionen gibt. Dort wird wenig Innovatives unterrichtet und „Spinnereien“ sind nicht vorgesehen. Marketing ist nicht alles. Marketing funktioniert meines Erachtens nur, wenn die Kompetenz dahinter stimmt. Und das Wissen der Jungen wird immer weniger.

Wo sehen Sie für die Augenoptische Branche derzeit die größten Verunsicherungen – oder positiv gedacht, die größten Herausforderungen?

Die Zeit ändert sich schneller als je zuvor. Das Kaufverhalten der Generationen X und Y sind komplett anders als das der Baby Boomer (an der die Augenoptik in den letzten Jahren mit Gleitsichtgläsern viel Geld verdient hat). Das Internet spielt sicher eine große Rolle. Vielleicht weniger als Brillenkaufstelle – mehr als Informationsplattform. Das ist der „klassische“ Augenoptiker jedoch noch nicht gewohnt.

Gibt es Bereiche, wo Sie meinen, dass eine Wesensveränderung der Augenoptik gut täte?

Radikale Schnitte gäbe es vor allem in der Ausbildung. Weniger intellektuelle Arbeit, mehr menschliche Kontakte. Ich nehme mir sehr viel Zeit für unsere Kunden. Das wird von den Kunden, die zu uns kommen, als sehr positiv beurteilt. Dadurch gibt es auch keine Preisdiskussionen. Es wird zwei Kategorien von Kunden geben. Den schnellen, simplen Kauf und wenig Anspruch ans Sehen und den aufwändigen, anspruchsvollen Beratungskunden. Aldi – Feinkost. Beides hat seine Daseinsberechtigung. Man muss als Augenoptiker nur wissen, welchen Weg man geht. Beides in einem Laden wird nicht funktionieren.

„Ich nehme mir sehr viel Zeit für unsere Kunden. Das wird von den Kunden, die zu uns kommen, als sehr positiv beurteilt.“

Ist die Industrie dem Fachhandel voraus in der technologischen Schnelligkeit, dem (nicht zuletzt wirtschaftlichen) Druck, mit dem Innovationen eingeführt werden?

Meine ganz persönliche Meinung zu diesen technischen Innovationen ist in kurzen Worten nicht zu erklären. Die meisten Kunden haben keinen hohen Anspruch an gutes Sehen. Sie kommen mit einfachen Produkten gut zurecht. Sonst könnten die ganzen Ketten keine so günstigen Brillen verkaufen. Das handwerkliche Können der Augenoptiker wird immer schlechter. Ein sehr hoch technisiertes Glas funktioniert nur, wenn die Brille exakt sitzt. Wenn ich aber auf der Straße oder im Fernsehen die Brillenträger anschaue, bemerke ich, dass kaum eine Brille richtig sitzt. Wofür brauche ich dann diese Hightech-Produkte? Auch die Fassungsmaterialien verändern sich – vom Handwerk aus gesehen – nicht zu ihrem Vorteil. Billig und nicht mehr anpassbar. Aber das sagt ein Brillenanpassfreak.

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Nein. Das ist ein ähnlicher Gedanke wie der Olympische. Den gibt es auch nur noch auf dem Papier. Die Augenoptik hat noch kein neues Wertesystem entwickelt. Wir sind keine Handwerker im althergebrachten Sinn mehr. Wir sind keine Marketingfachleute, keine Dekorateure, keine Ärzte und keine Verkäufer. Eher von allem ein bisschen was.

Qualifizierte Ausbildung, handwerkliches und technisches Know-how der deutschen Optiker, Qualitätsbewusstsein – gehören Sie heute noch uneingeschränkt zum Wertefundament Ihres Geschäftsalltags?

Ich bin so alt, dass ich meine Ausbildung noch als Handwerkerausbildung bezeichnen kann. 16 Jahre als Dozentin an der FFA haben mir gezeigt, dass sich das nicht fortgesetzt hat. Das wäre ja nicht tragisch, wenn es dafür neue Fähigkeiten gäbe. Ich sehe sie jedoch nicht.

Wie groß ist die Reibung mit dem Wandel, wie sehr spüren Sie den Druck durch den zunehmenden technologischen schnellen Fortschritt, Digitalisierung, Globalisierung und wirtschaftliche Machtkonzentration in Industrie und Handel?

Ich finde diese Entwicklung spannend und interessant. Man muss ja nicht alles übernehmen. Vor allem darf man das menschliche nicht vergessen. Noch immer haben wir Menschen als Kunden, die in dieser schnelllebigen Zeit ein Aufmerksamkeitsdefizit haben. Als Augenoptiker kommt man dem Kunden sehr nahe – wenn man das möchte – und könnte hier einen Anhaltspunkt haben um in einer schwierigen Zeit Kundenbindung zu erzeugen.

„Noch immer haben wir Menschen als Kunden, die in dieser schnelllebigen Zeit ein Aufmerksamkeitsdefizit haben.“

Ist die Augenoptik für die Zukunft gut aufgestellt? Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

Nein. Sie ist zu traditionell und zu wenig innovativ in den Läden. Die Industrie produziert Dinge, die der Augenoptikergeselle nicht verkaufen kann.

Fühlen Sie Ihre Interessen durch die berufspolitischen Institutionen gut vertreten?

 Ganz ehrlich? Nein.

Sind Verbände als Interessenvertreter noch zeitgemäß und sinnvoll?

Wenn junge, dynamische Menschen am Ruder wären – vielleicht. Der Club der alten Männer wird nichts mehr bewegen, sondern nur verwalten.

Vielen Dank für das Interview, Frau Gandl-Schiller.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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