Sein oder Nichtsein in der Augenoptik, JOSEF MAY?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview 

JOSEF MAY
Vorsitzender von SPECTARIS

Josef May (Foto: Wolfgang List)

Herr May, die Augenoptik ist vielschichtig, heterogen aufgestellt, im Selbstverständnis oszillierend und auch polarisierend zwischen Handwerk (Optik) und Wissenschaft (Optometrie), zwischen Tradition und Zukunft. Welche zukunftsweisenden Entwicklungen sehen Sie aufseiten der Industrie? Welche Anforderungen und Bedürfnisse aufseiten des augenoptischen Fachhandels?

Die große Veränderung sind sicherlich Messverfahren, die das Auge komplett, vollautomatisch und mit höchster Präzision (werden) vermessen können. Subjektiv wie objektiv. An die Schnittstellen können auch gleich die Bestell- und Produktionsprozesse angeschlossen werden, die die fertige Brille oder die passende Kontaktlinsen sofort generieren. In welchem Umfang der augenoptische Fachhandel diese Möglichkeiten nutzen möchte, bleibt natürlich jedem Betrieb individuell überlassen. Es sind nun aber die Zeiten angebrochen, wo eine klare Positionierung und Spezialisierung jedes einzelnen Geschäftes sehr wichtig wird. Das, wofür wir seitens der Industrie schon viele Jahre geworben haben, bloß nicht immer „Everybody´s Darling“ sein zu wollen, wird nun sehr relevant für den jeweiligen Geschäftserfolg und die strategische Zukunftssicherung. Wir sehen es ja am Markt: Dort gibt es extrem gut konzipierte und positionierte Konzepte der vielfältigsten Art, gerade unter den mittelständischen Fachgeschäften. Gepaart mit der Fachkompetenz der Inhaber und Mitarbeiter stehen diese fast alle sehr, sehr gut da.

„Es sind nun aber die Zeiten angebrochen, wo eine klare Positionierung und Spezialisierung jedes einzelnen Geschäftes sehr wichtig wird.“

Fusionen, Übernahmen, Joint Ventures sind auch in der Augenoptik Normalität: Wie leicht oder schwer haben es Unternehmen heute, eine (ihre) Identität zu definieren, in einem weltumspannenden globalisierten Markt und bei einer großen Marktdynamik mit sich verändernden Kräfteverhältnissen (Beispiel Zusammenschluss von Essilor und Luxottica)?

Das ist natürlich auch vom Produktsegment abhängig. Aber wir sehen ja zum Beispiel, wie viele neue Fassungsanbieter immer noch auf den Markt strömen, obwohl die Marktbedingungen sich rapide verändert haben. Zugegeben, das ist nicht immer allen Neulingen gleich bewusst. Aber in den Trendbereichen der Messen und in den Sortimentsübersichten gut laufender Augenoptikfachgeschäfte sehen wir immer noch eine Reihe von Fassungslieferanten, die sich ebenfalls in den letzten Jahren erfolgreich in unserer Branche etablieren konnten. Wir kennen Ähnliches auch aus anderen Modebranchen. Natürlich braucht es angesichts des immer größer werdenden Bürokratie-Monstrums und der diversen Ausfuhrbestimmungen eines langen Atems. Aber das ist kein branchenspezifisches Problem, sondern das generelle des Unternehmertums.

Mit Picasso gefragt: Sehen Sie heute in der Augenoptik auf Industrie- und Handelsseite noch „Unternehmer-Originale“, die beispielhaft für eine Vision, für Ideale, für bestimmte Werte stehen?

Sie stellen hier natürlich eine rhetorische Frage. Ich kann und möchte diese nicht für die Industrieseite beantworten, da ich für die gesamte Gruppe stehe und als SPECTARIS-Vorsitzender deren Gesamtinteressen vertrete. Werte stehen bei einigen unserer Mitglieder hoch im Kurs. Und Sie erleben die Ideale und Visionen ja sowohl bei jüngeren als auch bei verschiedenen Unternehmen, die bereits eine lange Firmentradition haben. In vielen Branchen gibt es derzeit diesen Start-up-Hype. Dieses Gründer- und Ideengebertum ist auch sehr wichtig für unser Land. In der Augenoptik ist der Hype aber weit weniger ausgeprägt. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass bei uns in der Augenoptik vieles technologisch schon sehr weit ausgereizt ist. Nur wenige Pioniere können sich von ihren Voraussetzungen her dem Sehtest am Bildschirm oder am Smartphone widmen. Oder dem 3D-Printing, das auch hochglänzende Fassungen oder z.B. Gläser mit Beschichtungen ermöglicht. Mediziner und Genforscher wiederum werden sich in der Forschung damit befassen, wie der Mensch sein Leben ganz ohne Fehlsichtigkeit verbringen kann. Das wird noch eine Weile hin sein, aber das wäre dann natürlich so richtig disruptiv.

Ebenso gibt es diese Originale auf Handelsseite. Da würden mir stationär einige einfallen. Dazu gehört aber sicherlich ebenso das Online-Geschäftsmodell von Mister Spex, das die gesamte Branche bei Unternehmensgründung vor zehn Jahren so beschäftigt hat. Jeder neutrale Betrachter dürfte heute auf die Umsetzung mit größtem Respekt schauen. Das Unternehmen hat unser Business von Anfang an sehr gut verstanden. Zugleich zeigt aber auch die Entwicklung von Mister Spex Schlangenlinien, weil die Augenoptik keine normale Handelsbranche ist, sondern hier einige eigene Gesetz gelten. Die Digitalisierung wird noch vieles komplett umkrempeln. Aber auch vielen stationären Augenoptikgeschäften gehört unverändert die Zukunft.

Wo sehen Sie für die augenoptische Branche derzeit die größten Verunsicherungen?

Die größte Verunsicherung ist ohne Frage für viele, was konkret sich nun hinter dem Wort „digital“ verbirgt. Ist mein Geschäftsmodell richtig? Bin ich angesichts der Lage meines Betriebes richtig positioniert? Welche Investments muss ich tätigen, um für dieses neue digitale Zeitalter gut gerüstet zu sein? Aber zu Verunsicherung führt aktuell auch eine der Basisfragen: Wie finde ich qualifiziertes Personal? Wie kann ich dieses binden (auch vor den Abwerbungsversuchen der Konkurrenz)? Und viele unserer Kunden beschäftigt derzeit auch das Nachfolgethema sehr.

Wie mutig ist man, wie offen für Zukunft, oder scheut man sich – wo Goethe davor warnt – vor neuen Ideen, neuen Geschäftsmodellen?

Das ist eine gute Frage. Da ist schon etwas dran. Wir sind sicherlich eine konservative Branche. Die Marktgegebenheiten haben es in der Vergangenheit hergegeben, dass es immer – zumindest meistens – schon irgendwie weiterging und es ein Auskommen gab. In der Tat: Mut wäre zur Zeit eine wichtige Tugend für uns alle.

„In der Tat: Mut wäre zur Zeit eine wichtige Tugend für uns alle.“

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Ja, natürlich haben wir noch ein festes Wertefundament in der Augenoptik. Die von Ihnen genannten Pflöcke sind ja Fundamente, die von vielen Kunden/Endverbrauchern, also fehlsichtigen Menschen, geschätzt werden. Wichtig am Markt ist aber nun die Spezialisierung. Unsere Gesellschaft ist derart atomisiert, dass die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse nur durch sehr unterschiedliche Geschäftskonzepte befriedigt werden können. Wenn sich jedes Geschäft allein über optometrische Dienstleistungen definieren würde, wäre zumindest die Mehrzahl schwerlich überlebensfähig. Aber diese Vielfalt haben wir ja am Markt. Und ich erlebe bei meinen Reisen viele Unternehmer, die auf das digitale Zeitalter gut vorbereitet sind. Globalisierung und Marktkonzentrationen belasten in ihrer Summe den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für die Augenoptik kann ich aber noch keine ultimative Bedrohung erkennen.

Gibt es Bereiche, wo Sie meinen, dass eine Wesensveränderung der Augenoptik gut täte?

Nein, das würde ich nicht sagen. Was wir elementar brauchen, ist mehr denn je Neugier. Zudem wäre es wichtig, die Niedrigzinsphase noch für Investitionen in Geräte sowie ggfs. Ladenbau zu nutzen, soweit es die Geschäftssituation erlaubt. Zudem sollten wir alle uns vor Augen halten, dass die Refraktion in nicht mehr ferner Zukunft auch online möglich sein wird. Da wird man anfangs noch streiten, wie brauchbar die Messergebnisse wirklich sind. Aber an der Schnittstelle müssen wir dann den Fuß in der Tür haben, um auch weiterhin einen Großteil der Wertschöpfung für uns zu generieren.

Ist die Industrie unter Umständen dem Fachhandel voraus in der technologischen Schnelligkeit, dem (nicht zuletzt wirtschaftlichen) Druck, mit dem Innovationen eingeführt werden?

Das ist definitiv so. In der augenoptischen Industrie stehen wir wiederum in einem harten globalen Wettbewerb, der ganz anders zu führen ist als der lokale um Kunden/Konsumenten. Die Produktion erlebt rasante Technologiesprünge. Und margenseitig hat der Markt ebenfalls relevante Veränderungen gebracht. Dies jetzt aber gegeneinander abzuwägen und zu vergleichen, macht in meinen Augen wenig Sinn.

Vielen Dank für das Interview, Herr May.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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