Sein oder Nichtsein in der Augenoptik, RAINER BRENNER?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview

RAINER BRENNER
Haus feiner Augenoptik, Frankfurt

Wie ist es um Ihre Identität als Augenoptiker bestellt?

Ich hoffe sehr, dass Augenoptiker auch zukünftig bei den Menschen ein so hohes Ansehen genießen werden. Allerdings wird dies meiner Meinung nach nur gelingen, wenn Augenoptiker und Industriepartner eng zusammenarbeiten, um gemeinsam einen Weg zu finden, auch zukünftig ihren Spitzenplatz bei der Verbraucherwahrnehmung zu behaupten. Hierfür ist es notwendig, dass jeder Augenoptiker individuelle Lösungen für sein Unternehmen in Zusammenarbeit mit seinen Lieferanten gestalteten kann.

Die größte Gefahr für die Branche sehe ich in der Preisentwicklung, vor allem bei den Brillengläsern. Der Markt wird überschwemmt mit Billigangeboten großer Ketten. Diese Tendenz wird sich in Zukunft sicherlich noch verstärken. Daher ist es von Bedeutung, dass selbstständige Augenoptiker ihre Dienstleistung und Fachkompetenz mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf einem hohen Niveau halten, um dem Kunden den Wert der Brille „sichtbar“ zu machen, ihm die Unterschiede zwischen einem günstigen und einem hochwertigen Glas erfahrbar zu machen und ihn ganz allgemein davon zu überzeugen, dass er bei seinem Augenoptiker in guten, vertrauenswürdigen Händen ist.

Gibt es in der Augenoptik heute genug Raum für individuelle Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, für persönliche Visionen?

Ja. Meiner Meinung nach gibt es auch heute noch genug Raum zur individuellen Selbstverwirklichung und zukünftig vielleicht sogar noch mehr. Neue Chancen für den einzelnen ergeben sich hierbei besonders dadurch, dass wieder mehr individuelle Produkte am Markt zur Verfügung stehen und die Verbraucher heute nicht mehr nur noch nach den großen Marken suchen. Damit bietet sich für den Individualisten leichter die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden und sich aus der Masse hervorzuheben.

Wo sehen Sie für die augenoptische Branche derzeit die größten Verunsicherungen – oder positiv gedacht, die größten Herausforderungen?

Die vielleicht größte Herausforderung besteht vor allem in der Bereitstellung qualifizierter Mitarbeiter. Um zu erreichen, dass sich die heute schon problematische Situation bei der Suche nach eben solchen zukünftig wieder verbessert, müssen die Augenoptiker dafür sorgen, dass wir auch künftig junge Menschen zu guten, qualifizierten Augenoptikern ausbilden. Dies setzt wiederum voraus, dass man jungen Nachwuchskräften eine klare Darstellung vom Berufsbild des Augenoptikers mit Visionen von Qualität und Dienstleistung mit auf den Weg gibt und den Beruf auch über eine adäquate Entlohnung attraktiv macht. Hier ist jeder einzelne Unternehmer in der Pflicht, dies zu gewährleisten.

„Die vielleicht größte Herausforderung besteht vor allem in der Bereitstellung qualifizierter Mitarbeiter.“

Gibt es Bereiche, wo Sie meinen, dass eine Wesensveränderung der Augenoptik gut täte?

„Wesensänderung“ ist meiner Meinung nach nicht das richtige Wort. Jedes Geschäft und jeder Berufsstand braucht eine stetige Veränderung, um langfristig bestehen zu können. Ob diese sanft oder radikal zu erfolgen hat, hängt davon ab, in welchem Bereich und unter welchen Rahmenbedingungen der einzelne Augenoptiker seine Tätigkeit ausüben will und wie er sich somit für die Zukunft am Markt aufstellen will. Sicher ist jedoch, dass sich niemand der zunehmenden Digitalisierung verschließen kann, wenn er auch zukünftig im Markt bestehen möchte. Man darf sich meiner Meinung nach aber auch nicht der Illusion hingeben, dass das alleinige Heil im Onlinehandel liegt. Die individuelle und persönliche Beratung durch den Augenoptiker kann durch digitale Plattformen auch in der Zukunft (hoffentlich) nicht ersetzt werden. Je nach Unternehmensgröße muss jeder für sich die richtige Mischung finden.

Ist die Industrie dem Fachhandel voraus in der technologischen Schnelligkeit, dem (nicht zuletzt wirtschaftlichen) Druck, mit dem Innovationen eingeführt werden?

Die Industrie legt gerade im Glasbereich bei der Geschwindigkeit, mit der neue Produkte auf den Markt gebracht werden, ein hohes Tempo vor, dem der Fachhandel häufig nur schwer bis gar nicht mehr folgen kann. Selbstverständlich sind Innovationen im Glasbereich grundsätzlich sehr begrüßenswert. Allerdings hat die hohe Geschwindigkeit der Produktveränderungen in den letzten Jahre am Markt dazu geführt, dass die Unübersichtlichkeit im Glasbereich stetig zunimmt und sich die Unterschiede in dieser mittlerweile unüberschaubaren Menge an Glastypen selbst für den Fachmann und erst recht für den Kunden häufig nur schwer herausarbeiten lassen. Dies führt nicht nur zu Frustrationen, sondern kann für den einen oder anderen im Zweifelsfall auch schlicht überfordernd sein. Hier ist die Industrie gefragt, für klarere Strukturen zu sorgen und den einzelnen Augenoptiker noch besser zu unterstützen.

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Grundsätzlich kann ich der Aussage in dieser Form zustimmen. Die Ausbildung in der Augenoptik war stets eine hoch qualifizierte. Handwerkliches Knowhow und ein hohes Qualitätsbewusstsein sind nach wie vor von essentieller Wichtigkeit, nicht nur in meinem Geschäft, sondern auch bei allen Kollegen, die ich im Laufe der Jahre persönlich kennenlernen durfte und die sich ihren Kunden und deren Zufriedenheit voll und ganz verschrieben haben. Aber auch ich spüre selbstverständlich den Wandel der Zeit. Diesen kann niemand aufhalten. Die Kunden kaufen heute anders ein. Selbst in einer Spitzenlage wie der unseren merken wir, dass sich der Kreis unserer Kunden verändert hat. Ob wir auch in Zukunft noch eine so hohe Zahl treuer Stammkunden haben, wird sich zeigen. Wir werden über unseren Service und die hohe Qualität von Produkten und Dienstleistung in jedem Falle alles dafür tun.

„Handwerkliches Knowhow und ein hohes Qualitätsbewusstsein sind nach wie vor von essentieller Wichtigkeit …“

Auch die zunehmende Machtkonzentration in der Industrie hat und wird die Branche nachhaltig verändern. Veränderungen bei Einkaufskonditionen und der Preisverfall bei vielen Produkten sind die negativen Effekte dieser Entwicklung. Inwieweit sich diese und weiter negative Effekte in Zukunft noch verstärken werden, kann niemand mit Sicherheit sagen. Da ich allerdings ein positiv denkender Mensch bin, sehe ich in dieser Marktentwicklung kein Problem, das man nicht durch stärkere Individualisierung und Abgrenzung von der Masse lösen kann. Ein schöner Spruch, den ich gerne verwende, lautet „Augenoptik ist Vertrauenssache“. Sorgen wir dafür, dass unsere Kunden auch weiterhin Vertrauen in unsere Produkte und vor allem in uns haben. Dann bestehen auch für die Zukunft die besten Chancen, sich in diesem Markt zu unterscheiden.

Ist die Augenoptik für die Zukunft gut aufgestellt? Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

Im Großen und Ganzen ja. Die augenoptische Landschaft in Deutschland besteht immer noch aus sehr vielen kleinen individuellen Betrieben und es wäre sehr wünschenswert, wenn diese auch in Zukunft bestand hätten. Nur sie können für die notwendige Polarisierung am Markt sorgen und den Kunden aufzeigen, dass es noch etwas anderes gibt, als die vor allem auf den Preis ausgerichtete Darstellung. Günstige Preise sind nur ein Weg, Kunden zu überzeugen, aber keineswegs der einzige. Die Dienstleistung und die fachliche Kompetenz sind ebenso wichtige Faktoren. Hier gibt es in der Augenoptikbranche gerade beim optometrischen Dienstleistungsangebot noch Entwicklungspotenzial. Dabei sollte man allerdings nicht das Gesamtpaket aus den Augen verlieren. Denn wie sagte ein sehr geschätzter Kollege von mir mal so treffend: „Ohne schöne Brillen nützen auch die ganzen Dienstleistungsangebote nichts.“ Bleiben wir also gute Handwerker und Dienstleister, dann haben wir die besten Chancen, auch in Zukunft unseren Platz im Markt behaupten können.

Fühlen Sie Ihre Interessen durch die berufspolitischen Institutionen gut vertreten? Sind Verbände als Interessenvertreter noch zeitgemäß und sinnvoll? Oder braucht es eine Erneuerung in diesem Bereich?

Ja und nein. Natürlich sind Interessenverbände für einen Berufsstand wichtig. Gerade bei den vielen kleinen mittelständischen Augenoptikbetrieben in Deutschland ist eine starke Bündelung der Interessenvertretung von großer Bedeutung. Auch um dafür Sorge zu tragen, dass die Ausbildung in der gesamten Branche zielgerichteten Abläufen und klaren Richtlinien folgt. Die Qualität darf hier nicht durch regionale Unterschiede schwanken. Im Laufe der letzten Jahre kam es allerdings zu einer immer stärkeren Diversifikation bei den Ausbildungswegen (Meister, Bachelor- oder Master of Science). Im Prinzip ist diese Entwicklung nicht verkehrt, allerdings muss der Verband dem Ganzen eine klare Struktur geben und herausstellen, in welchen Punkten die verschiedenen Abschlüsse und Ausbildungswege gleichwertig sind und worin die Unterschiede im Einzelnen bestehen. So interessant die neuen Ausbildungswege auch sein mögen, muss doch darauf geachtet werden, dass die handwerklichen Fähigkeiten, die die Gesellen- und vor allem die Meisterausbildung einst vermittelt haben, nicht verloren gehen.

„Augenoptik ohne handwerkliche Leistung, ausgerichtet nur auf optometrische Leistungen, ist meines Erachtens nicht zukunftsfähig.“

Augenoptik ohne handwerkliche Leistung, ausgerichtet nur auf optometrische Leistungen, ist meines Erachtens nicht zukunftsfähig. Daher sind auch die stark verkürzten Ausbildungszeiten bei der Erlangung des Meistertitels eine Entwicklung, die man gut durchdenken sollte. Man muss sich der Augenoptik als Ganzes stellen und darf sich nicht nur auf einen bestimmten Bereich fokussieren. Es bedarf neben den bereits erwähnten schönen Brillen Kompetenz in allen Bereichen, um ein gutes Gesamtpaket zu haben. In meinem Unternehmen haben wir daher einen guten Mix aus Spezialisten. Dieser umfasst handwerklich und fachlich hervorragende Augenoptiker, sowie Bachelor- und Master of Science, eine Orthoptistin und einen Augenarzt, der 2-mal pro Woche zur Verfügung steht. Auch hier muss jeder für sich entscheiden, welcher Weg für sein Geschäft der richtige ist und welche Dienstleistung er seinen Kunden anbieten kann.

Vielen Dank für das Interview, Herr Brenner.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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