Sein oder Nichtsein in der Augenoptik,THOMAS TRUCKENBROD?

// 16. April 2018 More

„To be or not to be!“ ist – im englischen Original – die vermutlich meistzitierte Frage aus Shakespeares Drama „Hamlet, Prinz von Dänemark“, und auch eine der größten philosophischen Fragen der Menschheit. Es ist die Seins- und Bewusstseinsfrage, mit der Hamlet seinen Monolog in der ersten Szene des dritten Aufzugs beginnt. In einer Tragödie über Todessehnsucht und Weltschmerz, über Angst vor dem Tod und die Scheu vor entschlossenem Handeln. Über die innere Zerrissenheit einer Existenz, deren emotionale Tragik mit philosophischem Tiefgang dargestellt wird. „Sein oder Nichtsein?“

So dramatisch geht es in der Augenoptik, Gott sei Dank, nicht zu! Hamlet dient uns vielmehr als bildhafter Ausdruck, als Metapher, um Problematiken anzusprechen, Fragen zu stellen, Potenziale weiterzudenken und Menschen, die in dieser Branche arbeiten, die sie prägen, Stimme und Raum für Gedanken und Reflexionen zu geben.

Das haben wir getan und schickten ein Themenbriefing an unsere Interviewpartner, Vertreter aus Verbänden, Fachhandel und Industrie / Hersteller. Die Flut ihrer Gedanken hat uns ein wenig überrascht. In der Printausgabe konnten wir nur einen Teil dieser umfangreichen und gehaltvollen Reflexionen wiedergeben. Lesen Sie die Antworten darum hier in vollem Umfang.

Im Interview

Thomas Truckenbrod (Foto: ZVA)

THOMAS TRUCKENBROD
Präsident des ZVA

Herr Truckenbrod, Sie sind selbst Augenoptiker, kennen viele Kollegen. Wie ist es aus Ihrer Einschätzung und Erfahrung um die Identität des Augenoptikers bestellt, um das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Berufsstand?

Ich sehe bei meinen Kollegen ein hohes Maß an Zugehörigkeitsgefühl zum Berufsstand. Allerdings sind die Bindungen und Gründe hierbei ebenso heterogen wie die Ausübung der Augenoptik selbst. Oftmals werden die Sichtweisen auf unseren Beruf bereits auf dem augenoptischen Bildungsweg geprägt. Letztlich liegt es an der Auffassung derer, die – wie Sie sich in ihrer Frage ausdrücken – die Geschicke bestimmen, den Rahmen so groß zu halten, dass möglichst viele Kollegen in der Lage sind, sich dem Berufsstand angehörig zu fühlen.

Wo sehen Sie für die Augenoptik derzeit die größten Verunsicherungen?

Die Verunsicherungen, die die Augenoptik gegenwärtig beschäftigen, lassen sich meines Erachtens nach in zwei Gruppen fassen. Zum einen stehen wir technologischen Veränderungen gegenüber, die potenziell disruptiv sein können und etablierte Verfahren der Sehversorgung möglicherweise gefährden, beispielsweise akkommodierende Intraokularlinsen. Zum anderen müssen die Betriebe trotz aller Technisierung auch künftig über genügend gut ausgebildete Mitarbeiter verfügen; bei einem schwelende Fachkräftedefizit muss hier somit demnächst vielleicht auch verstärkt über neue Formen des Personalmanagements und veränderte Arbeitszeitmodelle nachgedacht werden.

Wie mutig ist man, wie offen für Zukunft, oder scheut man sich – wo Goethe davor warnt – vor neuen Ideen, neuen Geschäftsmodellen?

Den Mutigen gehört die Welt und es gibt einige erfolgreiche, mutige am Markt befindliche Kollegen – es könnten durchaus noch mehr sein.

„Die Augenoptik ist Teil dieser Welt und dieser Zeit, in der die zunehmenden internationalen Verflechtungen in vielen Bereichen kleine, mittlere und große Unternehmen gleichermaßen vor neue Aufgaben stellen – sowohl im Globalen wie im Lokalen. Die Augenoptik verharrt niemals, wenngleich ihr Wertefundament bis heute unerschütterlich ist. Sie steht für eine Kultur handwerklicher Kompetenz, für optometrische Dienstleistungen und die Marktnähe zu den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden. Sie lebt von dem Gespür für Design und Ästhetik, der richtigen Balance zwischen Form und Funktion. Ein Wertekanon, der über 150 Jahre gemeinsam mit der Erfindungs- und Qualitätsleistung der augenoptischen Industrie verbunden ist.“

Würden Sie das unterschreiben? Oder wie ist es aus Ihrer Sicht und Erfahrung um das Wesen der deutschen Augenoptik bestellt?

Der von Ihnen benannte augenoptische Wertekanon scheint immer noch Bestand zu haben und ist vielleicht eine Erklärung zum im Vergleich zu anderen Branchen viel langsameren Wachstum des Onlinehandels mit Korrektionsbrillen. Die sogenannte Digitalisierung stellt somit für die Augenoptik keine Herausforderung dar, an der sie sich reibt, sondern einfach eine Veränderung, der sie gewachsen ist und die sie durchaus für sich nutzt.

Abgesehen von den Speziallösungen bei Arbeitsplatzbrillen über Sportbrillengläser bis hin zur Orthokeratologie ist der Markt für Brillengläser und Kontaktlinsen nicht so stark innovationsgetrieben, dass er die Augenoptiker hinter sich lässt. Viel mehr „Reibungsenergie“ kosten da schon die überbordende Bürokratie und die oft praxisferne Umsetzung von im Grunde sinnvollen Gesetzen zum Schutz der Verbraucher.

Wem gehört die Zukunft, dem Spezialisten oder dem Generalisten? Ist der kleine oder mittelständische Optik-Unternehmer heute nahe genug bei den Bedürfnissen der Brillen- und Kontaktlinsenkunden?

In den meisten Fällen gehört den Spezialisten die Zukunft. Hier ist der mittelständige Unternehmer gegebenenfalls wendiger und dem Kunden näher als der Filialist.

Wie sehr engagieren sich Optiker noch in der Berufspolitik?

Diejenigen, die sich engagieren, tun das mit ganzer Leidenschaft. Und es gibt zunehmend wieder junge Kollegen, die von ihrer Lebenszeit ein Kontingent für die Gemeinschaft bereitstellen.

Immer wieder ist von Fachkräftemängel die Rede, siehe die ZVA-Onlinebefragung vom März 2017, in der viele Betriebe Schwierigkeiten konstatierten, Fachkräfte zu finden. Welche Entwicklung sehen Sie bei der Ausbildungssituation und Personalfrage der Optikbranche (in der Fielmann über 40 % der Lehrling in Deutschland ausbildet und in den letzten fünf Jahren mit fünf Prozent aller deutschen Optikgeschäfte alle Bundessieger stellte).

Wenn wir von den gegenwärtigen Ausbildungszahlen ausgehen, sind für die kommenden Jahre vermehrt ausgebildete Augenoptiker, Augenoptikermeister, Bachelor und Master zu erwarten. Der Drang zur Ausbildung in unserem Beruf ist bisher ungebrochen. Es muss uns endlich gelingen, diese gut ausgebildeten Fachkräfte auch im Beruf zu halten.

„Der Drang zur Ausbildung in unserem Beruf ist bisher ungebrochen.“

Bedeutet der Beruf des Augenoptikers überhaupt noch eine gesicherte Zukunft?

Ja, zumindest für die praxisnah ausgebildeten und weiterbildungswilligen Kollegen, die ihren Beruf mit Engagement und Liebe ausüben.

Wie steht es um die Qualitätssicherung im Berufsstand?

Sehr gut und besser, als ich das in dem zu betrachtenden Zeitraum erwartet hätte. Mein Vorgänger Thomas Nosch sprach in dem Zusammenhang vom „Bohren sehr dicker Bretter“. Da hat er bis heute Recht behalten. Gleichwohl habe ich in meiner Ausbildung noch gelernt, mineralische Brillengläser zu bohren – da schrecken mich dicke Bretter folglich nicht so schnell ab! Und um im Bild zu bleiben: Was die Qualitätssicherung betrifft, haben sich die beiden Bohrungen von der Vorder- und Rückfläche des Glases bereits getroffen. Jetzt müssen wir noch vorsichtig mit der Reibahle ran und die Bohrränder abschließend schön anfassen, dann ist es geschafft.

Vielen Dank für das Interview, Herr Truckenbrod.

(Angela Mrositzki & Sandy Hedig)

Category: Branche + Ideen, OV

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