Feature: New Work – Arbeitswelt der Zukunft?

// 11. Mai 2018 More

New Work Arbeitskonzepte Arbeitswelt Augenoptik

Die Welt, in der wir leben, wandelt sich und mit ihr auch die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit. Welche Modelle diese letztlich bestimmen werden, ist ungewiss. Dass diese aber ­flexibel sein werden, ist sicher. „New Work“ ist eines dieser Konzepte.

Die deutsche Bevölkerungspyramide hat sich längst zum „Weihnachtsbaum“ gewandelt, und was das bedeutet, ist jedem klar: Die Menschen, die nachkommen, werden immer weniger. Das verändert unsere Lebensumstände, unsere Gesellschaft, natürlich auch unsere Arbeitswelt. Es werden nicht nur weniger Kunden nachkommen, sondern auch weniger Nachwuchskräfte. Dieser Wandel macht vor keiner Branche halt. In der IT-Branche beispielsweise ist der Nachwuchs bereits stark umkämpft, doch auch in der Augenoptik kann man sich nicht unbeteiligt zurücklehnen.

Die junge Zielgruppe rückt somit doppelt in den Fokus: als Kunde und als Mitarbeiter. Sie und ihre Bedürfnisse zu verstehen, birgt damit auch doppelte Chancen. Wer flexibel ist und die Bevölkerungsentwicklung nicht ignoriert, sondern sich heute schon ihr entsprechend gut aufstellt, der kann sich den zukünftigen Veränderungen schneller und besser anpassen. Insbesondere die traditionellen Augenoptiker haben hier Potenziale. Es lohnt sich also das Thema im Blick zu behalten und auch zu schauen, wie andere Unternehmen und Branchen dieser Entwicklung begegnen. Beispielsweise entstehen neue Arbeitsmodelle, die stärker auf die Bedürfnisse der Jungen eingehen und Arbeitgeber damit für diese attraktiver machen könnten.

Eines dieser Konzepte heißt „New Work“. Es geht zurück auf die Idee des heute 86-jährige Philosoph Frithjof Bergmann. Er entwarf es schon Anfang der 80er Jahre, um damit massiv Kritik am gängigen Lohnarbeitssystem zu üben, das den Menschen krank mache. Jeder sollte nach Bergmann eine Arbeit finden, die in Übereinstimmung mit seinen eigenen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen steht. Die Grundgedanken dieses Konzepts treffen den Nerv der heutigen Zeit, wünschen sich doch noch immer viele mehr Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und einen Sinn in ihrem beruflichen Tun. Eine gute Work-Life-Balance zählt neben guten Aufstiegsmöglichkeiten und schneller Verantwortungsübernahme zu den drei wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Arbeitgebers. Auch planbare Arbeitszeiten und flexible Karrieremöglichkeiten und Arbeitszeitmodelle sind wichtige Kriterien.(1)

Ein gutes Betriebsklima spielt heute schon eine wichtige Rolle bei der Wahl des Arbeitsgebers.

Junge Nachwuchskräfte sind sogar bereit, Geldeinbußen in Kauf zu nehmen zugunsten eines attraktiveren Work-Life-Balance-Angebots.(2) Die Wünsche der Mitarbeiter nach persönlichen Freiräumen, Spaß, Selbstverwirklichung etc. sind zu neuen Herausforderungen für Unternehmen geworden. Entscheidet sich ein Unternehmen für ein Konzept, das diesen Wünschen eher entspricht, bedeutet das in der Praxis sowohl Veränderungen in der Arbeitsorganisation und -struktur als auch in den „weichen Faktoren“ wie Führung, Kultur, Change Management.

Im Januar 2016 erschien eine branchenübergreifende Studie zur Zukunft der Arbeitswelt (3), in der untersucht wurde, welche „New Work Instrumente“ bereits umgesetzt werden und welchen Erfolg Unternehmen damit haben. Dabei zeigte sich, dass sich als einziges Instrument flexible Arbeitszeiten in der breiten Praxis bereits durchsetzen konnten. Zusammen mit schnelleren Entscheidungsprozessen gehören sie auch zu den meistgewünschten. Eine besonders starke Differenz zwischen Realität und Wirklichkeit habe sich gezeigt bei dem Wunsch nach Mitarbeiterbeteiligung und dem nach Zeit für eigene kreative Projekte. Am meisten Umsetzung finde das Konzept in kreativen Arbeitsumgebungen. Erfolge verbuchen New-Work-Unternehmen in ihrer Attraktivität als Arbeitgeber, die 3-mal höher liege als bei anderen Unternehmen. Diese jedoch könnten sich durch ein positives soziales Klima profilieren.

Besonders der letzte Punkt zeigt wohl, dass Unternehmen nicht die ganze New-Work-Instrumentenpalette vom „Creative Workspace“ bis zur demokratischen Führungskultur sklavisch durchexerzieren müssen, um für Mitarbeiter attraktiv zu werden. Gleichzeitig wird aber auch erkennbar, welche Rolle ein gutes Betriebsklima heute schon bei der Arbeitgeberbewertung spielt. Und die kommenden Generationen werden hierauf noch mehr achten. Es wäre demnach klug, deren Bedürfnisse als Mitarbeiter nicht zu vernachlässigen. Experten mahnen jedoch auch zur Vorsicht. Die Arbeitgeberattraktivität auf Teufel komm raus optimieren zu wollen, wo es nicht notwendig ist, kann auch Gefahren bergen. Besonders in einer so kundenorientierten Branche wie der Augenoptik dürfen gerade die Kunden nicht vergessen werden. Die Bevölkerungsentwicklung zeigt, dass wir weniger werden – umso wichtiger wird es, die Wünsche und Ansprüche der Kunden und die der Mitarbeiter im Blick zu behalten – und auch die Balance zwischen beiden.

1 Batten & Company 2016.
2 BDU: Facts & Figures zum Beratermarkt 2015/2016.
3 Gemeinsames Forschungsprojekt von Prof. Dr. Hackl, Marc Wagner und Lars Attmer. Institut HR Impulsgeber und Detecon Consulting.

Smarte Workspaces

Nachwuchsmangel könnte auch für die traditionelle Augenoptik der Zukunft Thema werden. So gehen andere Branchen vor.

Die IT-Branche gehört zu jenen, die die demographische Entwicklung besonders hart trifft. Exzellente Nachwuchskräfte sind hier permanent gefragt und die werden eher weniger als mehr. Im Kampf um die Besten müssen Unternehmen also mit ihrer Attraktivität als Arbeitgeber glänzen. Von der Höhe des Gehalts hängt diese aber längst nicht mehr ab. Junge Mitarbeiter interessieren sich mehr dafür, in welchem Maße sich die Arbeit an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen lässt. Daher finden neue Arbeitskonzepte hier oft Eingang in die Praxis.

Das Konzept des Work-Life-Flow stelle den Menschen in den Mittelpunkt, emanzipiert von Raum und Zeit.

In der Firma Microsoft beispielsweise ist Flexibilität ein sehr großes Thema. Schon 1998 wurde daher die Vertrauensarbeitszeit eingeführt und vor zwei Jahren auch der Vertrauensarbeitsort. Im September 2016 wurde die neue Deutschland-Zentrale des Unternehmens in München eröffnet, welche für das Arbeiten 4.0 optimiert ist. Der Arbeitsort wird dabei verstanden als offene Plattform und interdisziplinäres Labor für neue Ideen. „Mit der neuen Arbeitsumgebung lösen wir räumliche Trennungen auf und fördern die Zusammenarbeit auch über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg“, erklärt Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland. Das Konzept des Work-Life-Flow stelle den Menschen in den Mittelpunkt, emanzipiert von Raum und Zeit. „Wir sehen, dass die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags mit ­fließenden Übergängen zwischen Arbeit und Privatem anstelle einer starren Verteilung die Lebenswirklichkeit unserer Mitarbeiter besser abbildet. Wir ermöglichen ihnen damit mehr Flexibilität bei der Organisation des privaten und familiären Alltags.“

Ein Konzept mit Denkfehler?

„New Work“ ist ein gehyptes Buzzword geworden. Experten warnen aber auch vor einer Veränderung ohne Not.

Unter dem Begriff New Work habe sich eine enthusiastische Bewegung gebildet, die ein Heer an Trainern, Coaches, Beratern und Unternehmen hervorgebracht hat. Besonders online werde intensiv und emotional diskutiert und publiziert. Es gehe um die Freude an der Arbeit, um die Sinnsuche, um Fairness und „artgerechte“ Arbeitsplätze. Doch mit dieser Bewegung stimme etwas nicht, meint Lars Vollmer. Er ist Unternehmer, Redner und Autor – und hat selbst den New-Work-Gedanken vorangetrieben. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass jene, die dem neuen Arbeitskonzept skeptisch gegenüberstehen, vielleicht doch nicht ganz falsch liegen.

Warum? „Weil New Work die Kausalität der Arbeit vertauscht“, erklärt Vollmer. Die Hauptaufgabe von Unternehmen sei es nicht, die Arbeit besonders schön oder angenehm zu gestalten. Im Fokus stehe der Kunde und damit die Aufgabe, dessen Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Der Markt und die Wettbewerber bestimmen die Arbeit. Sie existiere nicht zum Vergnügen von Chef und Mitarbeitern, sondern einzig und allein zum Überleben des Unternehmens.

Wer ohne Marktdruck nur dem New-Work-Trend folge, mache einen Denkfehler

Wer ohne Marktdruck nur dem New-Work-Trend folge, mache einen Denkfehler, der sich für ein Unternehmen als fatal erweisen könne. Am schlimmsten könnte dieser im „größten anzunehmenden Unmenschlichkeitsfall“ enden: dem Wegfall der Arbeitsplätze, weil das Unternehmen krachend gegen die Wand gefahren sei.

Glückliche Mitarbeiter vs. Erfolg heiße das Dilemma, das es dennoch zu lösen gilt. Für Vollmer könnte da eine Differenzierung zwischen Arbeit und Zusammenarbeit helfen: Arbeit ist das, was getan werden muss, die Wertschöpfung, die wirtschaftliche Realität. Zusammenarbeit ist das Wie, die unternehmensinterne Perspektive. Die besten Unternehmen schaffen es, laut Vollmer, beides auf ihre eigene Weise zu verbinden: Sie bringen das „Was“ und das „Wie“ besser in Einklang als die anderen. Und machen genau deshalb den Könnern und Talenten in ihren Reihen Freude. Sie bieten ihnen einen Sinn an und stehen ihnen weder mit diesem überflüssigen Management-Theater noch mit ihren Moralvorstellungen im Weg herum. Sie sind nicht nur Handwerker, sondern sie sind Künstler, die ihr Handwerk beherrschen.“

Texte: Sandy Hedig

Category: Branche + Ideen, NoOV

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