Warum sollten junge Augenoptiker bei Ihnen ihren Meister machen, Herr Nagel?

// 3. Juni 2014 More

 

Thomas Nagel bietet seit über 6 Jahren Weiterbildungen am NDOC an.

Thomas Nagel ist Inhaber des NDOC und bildet seit Jahren Augenoptikermeister aus.

Thomas Nagel ist Geschäftsführer des Norddeutschen Optik Collegs (NDOC) in Schwarmstedt. Vor der Lehre zum Augenoptiker machte er eine Ausbildung zum Feinoptiker in Jena. Später besuchte er die Meisterschule in Hankensbüttel. Nach dreijähriger Honorartätigkeit als Dozent gründete er gemeinsam mit Anke Steinhardt das NDOC. Inzwischen bildet er seit Jahren erfolgreich Augenoptikermeister aus.

Wenn Sie für den augenoptischen Beruf werben sollten, wie würden Sie das tun?

Augenoptik – was bedeutet das eigentlich? Ich selber bin nur durch Zufall in die Augenoptik gerutscht. Als gelernter Feinoptiker konnte Zeiss Jena uns nach der Wende nicht übernehmen. Und so führte ein nicht bestandener Sehtest für den Führerschein dazu, dass ich Augenoptiker wurde. Ich empfand den Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen absolut faszinierend. Und es ist ein wirklich tolles Gefühl, wenn man die Chance hat, sein optisches Wissen, das handwerkliche Geschick und die Menschenkenntnis dafür zu nutzen, seinem Kunden ein kleines Stückchen mehr am Leben teilhaben zu lassen. Gerade nach der Meisterausbildung wurde mir bewusst, welche tollen Möglichkeiten die Augenoptik bietet. Und viele, nein sehr viele Kunden werden zu wirklich dankbare Kunden!

Warum sollten junge Augenoptiker bei Ihnen den Meister machen, anstatt den Weg zur Fachhochschule zu suchen?

Die erste Frage, die sich ein Augenoptiker stellen sollte, ist: „Was möchte ich machen?“ Die Fachhochschule ist mit Sicherheit der geeignete Weg, wenn man in die Forschung und Entwicklung gehen möchte. Hier wird die Priorität eindeutig auf das wissenschaftliche Arbeiten gelegt. Dabei kommt leider die Routine am Kunden zu kurz, sei es die Augenglasbestimmung, Kontaktlinsenanpassung oder Low Vision-Versorgung. Nun gibt es in Deutschland ca. 12.000 Augenoptikgeschäfte. In jedem Geschäft steht (hoffentlich noch lange) mindestens ein Meister. Möchte ein junger Augenoptiker sich selbständig machen, ein Geschäft übernehmen, Filialleiter werden oder angestellter Meister sein, dann ist er mit einer Weiterbildung zum Augenoptikermeister viel besser dran, als mit einem Studiengang an einer Fachhochschule. Und da kommen wir ins Spiel: Es gibt so viele augenoptische Betriebe, die versuchen, über eine technisch ausgereifte und teure Ausstattung ihre Kompetenz darzustellen (was natürlich durch die Industrie mit suggeriert wird). Doch die Technik kann nur unterstützend hilfreich sein – sie ersetzt nicht die fachliche Kompetenz des Gesellen oder Meisters. Unsere Teilnehmer profitieren von dem absolut praxisnahen Unterricht. Wir bereiten unsere Meisterschüler auf das vor, was ihnen im Geschäft passieren wird. Natürlich behalten wir dabei auch die Meisterprüfungsverordnung im Blick. Aber nur derjenige, der Problemfälle des Kunden erfassen, verstehen und bewerten kann, der kann diesem Kunden auch helfen. Durch diese Art der Ausbildung erfüllen wir automatisch die Anforderungen der handlungsorientierten Meisterprüfung. Wir nehmen nicht mehr als 12 Teilnehmer pro Meisterkurs auf. Dadurch können wir jeden einzelnen Teilnehmer beobachten, individuell das Niveau steigern und auf Defizite hinweisen. Der Praxisanteil ist sehr hoch und vor der Meisterprüfung laden wir „echte Kunden“ zur Augenglasbestimmung ein. Zudem können sich unsere Teilnehmer per Fingerabdruck jederzeit selber Zutritt in die Schule verschaffen, um Freunde und Verwandte auch am Wochenende refraktionieren zu können. Weiterhin nehmen wir mit den Meisterschülern an den Tagen der Wahrnehmung des VFWK e.V. teil. Hier lernen die Teilnehmer in Grundschulen den Umgang mit Kindern und können so schon während der Ausbildung interdisziplinär Erfahrungen sammeln. Also ich denke, wir haben ein tolles Paket aus praxisnaher Ausbildung, erfahrenen Dozenten und Spaß am Unterricht(en).

Sie sind jung und können noch gut träumen. Wie stellen Sie sich die Augenoptik in 25 Jahren vor. Gibt es sie noch – und wenn ja, wie?

Ich bin 41 Jahre alt. Aber was ist in 25 Jahren? Dann bin ich 66 … Und was ist dann in der Augenoptik? Ich hoffe ganz stark, dass es sie dann noch gibt – auch wenn sie sich stark verändert haben wird. Die Augenoptik wird sich in drei Bereiche aufgeteilt haben:

1. Die Gruppe der Verkäufer:

Die meisten werden wohl weiterhin Brillen verkaufen. Sie nutzen Videozentriersysteme und lassen die Gläser vom Einschleifservice in die Fassung schleifen. Die Werkstatt wird als notwendiges Übel angesehen – irgendwo steht auch noch ein Schleifstein. Der Verkauf steht absolut im Vordergrund, wobei ein Großteil davon im Internet stattfinden wird.

2. Die Gruppe der Brillenglasschleifer:

Diese Gruppe sind die eigentlichen Handwerker. Sie schleifen die Brillen ein, die die Augenoptiker verkauft haben. Dabei werden sie von CNC-Maschinen unterstützt, die, wie heute schon, alle Arbeiten am Brillenglas übernehmen, inkl. fräsen, rillen, bohren … Um die Preise tief halten zu können, zählt in diesen Servicecentern die Masse und nicht die Präzision.

3. Die Gruppe der Optometristen:

Diese (kleine) dritte Gruppe Augenoptiker kümmert sich um die „Problemfälle“. Bei ihnen ist „Optometrist“ mehr als eine gut klingende Bezeichnung auf der Visitenkarte. Sie nehmen sich Zeit für ihre Kunden, machen eine umfassende Anamnese und versorgen den Kunden je nach Auffälligkeit mit den situationsbedingten Techniken und Korrektionsmitteln. Sie entdecken Auffälligkeiten am Auge, erstellen Verdachtsdiagnosen und arbeiten sehr eng mit Augenärzten zusammen. Das fertigen der Brille überlassen sie niemand anderem als der eigenen Werkstatt. Das Berufsbild und die Ausbildung bieten dazu passende Möglichkeiten. Leider werden bis dahin die Ausbildungs- und Prüfungsrichtlinien immer noch nicht vereinheitlicht sein. Dadurch ist das fachliche und praxisrelevante Niveau der Optometristen sehr unterschiedlich.

Alles das zeichnet sich ja in den letzten Jahren schon ab! Aber auch technisch wird eine ganze Menge passiert sein: Im Bereich der Korrektionsmittel denke ich dabei an echte Autofocus-Brillen, die über eine elektronisch gesteuerte Brechkraftveränderung das jeweils fixierte Objekt scharf stellen. Damit werden die Gleitsichtgläser abgelöst. Für die Darbietung der Sehzeichen im Prüfraum werden die ersten holografischen Geräte marktreif sein. Dies behebt das derzeitige Darstellungsproblem im Binokularsehen, bei dem die Konvergenz und Akkommodation zum Teil entkoppelt werden muss. Die Augenglasbestimmung wird dadurch noch näher an die Wirklichkeit herangeführt. Die Filialisten und größeren Betriebe werden alle in den Onlinehandel eingestiegen sein. Es wird erste Apps mit Hardwareunterstützung geben, über die die Kunden sich zu Hause selber refraktionieren sollen …

Es ist ein spannender Weg, auf dem wir uns gerade befinden, und ich hoffe ganz fest, dass die fachliche Kompetenz und das augenoptische Grundlagenwissen nicht der neuen Entwicklung zum Opfer werden.

Herr Nagel, vielen Dank!

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Category: Branche + Ideen, OV

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