iview: Timo Kratzer und Joachim Kuss über Markenglas

// 11. März 2015 More
 Joachim Kuss (li.), Director Group Communications und Timo Kratzer, Senior Director Innovative Design Solutions

Joachim Kuss (li.), Director Group Communications und Timo Kratzer, Senior Director Innovative Design Solutions

Wer verspricht, muss auch halten. Ohne Wenn und Aber. Die innovativen Produkte sind da. Die entsprechenden Hersteller sind selbstbewusst. Der augenoptische Spezialist auch. Nichts spricht mehr gegen mehr Erfolg. Heinz-Jürgen Höninger über das Thema Markenglas im Gespräch mit Timo Kratzer und Joachim Kuss von Carl Zeiss Vision.

Ein innovatives Markenglas muss Kunden überzeugen, braucht Ingenieure und Techniker einerseits und Marketing- und Kommunikationsspezialisten andererseits. Die einen entwickeln und bauen, die anderen verstehen und kommunizieren. Herr Kratzer, als Sie noch in Ulm Physik studierten, hätten Sie gedacht, dass die Augenoptik so viel Aufwand betreiben muss, um Welle oder Teilchen richtig durchs Glas zur Netzhaut zu bringen?  

Kratzer: Nein, sicherlich nicht. Für viele Konsumenten ist ein Brillenglas ein durchsichtiges Stück Plastik. Aber auch viele ZEISS-Kollegen sind überrascht, wenn sie sehen und hören, welchen technologischen und wissenschaftlichen Aufwand wir treiben, um Präzisionsbrillengläser und moderne Vermessungstechnik zu entwickeln. Komplexe Mathematik, Materialchemie, Wellenfronttechnologie, Sensorik, IT, Optik, Physik – zahlreiche Disziplinen sind notwendig, um besseres Sehen zu verstehen. Gerade das Zusammenspiel Auge-Glas-Gehirn-Metabolismus ist noch lange nicht verstanden. Mit dem Vision Science Lab an der Universität Tübingen haben wir deshalb ein interdisziplinäres Forschungszentrum gegründet, das sich diesen Fragen widmet. Das Schöne für mich ist: Die Augenoptik ist voller Herausforderungen und Überraschungen. Auch mein Fachgebiet, das optische Design von Brillengläsern, bietet jeden Tag neue Herausforderungen.

Herr Kuss, was ist schwieriger? Den Augenoptikern die komplexe Leistung zu vermitteln oder für Endverbraucher griffige Formeln zu entwickeln, die der Kompliziertheit der Materie gerecht sind, aber einfach in der Aussage bleiben? 

Kuss: Für uns als Hersteller ist der Augenoptiker die erste Adresse. Mit ihm sprechen wir über unsere Produkte, denn er berät die Konsumenten. Klare Produktvorteile zu vermitteln, ist immer eine anspruchsvolle Aufgabe. Heute läuft hier vieles digital – etwa über Apps oder Webportale. Hier kurz, prägnant, präzise zu sein, kann eine Kunst sein. Augenoptiker sind exzellent ausgebildet, sie erwarten viel. Mit ihnen über Produkte zu kommunizieren, finde ich etwas einfacher, weil Optiker per se Interesse und umfangreiches Wissen haben. Hier gibt es leicht Anknüpfungspunkte.  Für den Endverbraucher ist ein Brillenglas kein emotionales Produkt. Eine griffige Formel hilft hier nicht. Alle paar Jahre steht der Besuch beim Optiker an und dann ist die Auswahl der Fassung das, was am meisten interessiert. Wie interessiere ich diese Zielgruppe für Brillengläser? Wie informiere ich sie, dass sie eine bewusste Entscheidung für das jeweils beste Produkt treffen kann? Das finde ich persönlich schwieriger. Ein Auto wird auch nur alle paar Jahre ersetzt, aber hier spielen halt Gefühle eine große Rolle. Ein Auto ist einfach interessant. Das kann ich Probe fahren. Beim Brillenglas  gibt es keinen Test vorm Kauf. Wir haben eine Konsumentenplattform im Web – mittlerweile auch in über 25 Sprachen – und sehen, dass viele, gerade ältere Verbraucher, großes Interesse entwickeln. Das kommt aber erst, wenn sie merken, dass ein Brillenglas ein spannendes Thema sein kann. Diese Hürde müssen wir immer zuerst überwinden, bevor wir über Produkte informieren können.

Mein Metabolismus ist schwer gefordert. So ein Stück Plastik aus dem Hause Carl Zeiss kann ich tatsächlich nicht Probe fahren, sondern muss vertrauen, dass der, der es mir vermisst, anpasst und verkauft, das alles auch richtig gut gemacht hat. Auch das beste ZEISS-Glas ist nur so gut wie der Augenoptiker, der es mir verkauft. Oder kann es mangelnde Kompetenz ausgleichen? 

Kratzer: Es gibt ja einen guten Grund, warum es Brillen nicht im Supermarkt gibt. Nur der Augenoptiker kann bestimmen, welche Gläser der Verbraucher für optimales Sehen wirklich braucht. Ein gutes Glas verzeiht viel. Zum Beispiel das, was wir Tag für Tag diesem Stück Plastik zumuten: häufiges Putzen, in die Tasche stecken, große Kälte oder Sommerhitze. Für die Optik aber gilt: Sie kann nur so gut sein wie der Augenoptiker, der vermisst, berät, einschleift.

Kuss: Bis zu 40 Prozent Leistungsverlust gibt es, wenn das Einschleifen des Glases nicht präzise erfolgt. Und ohne professionell erhobene Refraktionsdaten könnten wir ein individuelles Glas gar nicht herstellen. Wenn die Größe nicht stimmt, nützt der schönste Anzug nichts. Genauso ist es in der Augenoptik. Gute Brillen gibt es nur beim guten Augenoptiker.

Um die perfekte Gleitsichtbrille mit einem Markenglas anbieten zu können, braucht es da auch eine gewisse Empathie des Augenoptikers für das jeweilige Glas? Muss er es verstehen, seine Stärken kennen, seine Schwächen, seine Besonderheit gegenüber anderen? Und, wo lernt er das?  

Kratzer: Ja. Die Gleitsichtgläser der großen Hersteller unterscheiden sich im Design und in der Performance. Wir sprechen hier auch von unterschiedlichen Designphilosophien. Wie sind die Progressionszonen angeordnet, wie groß sind die Übergangszonen, gibt es eher harte oder weiche Übergänge zwischen den Sehbereichen, wie klar und präzise sind die Verläufe? Die kurz- und langfristige Gewöhnung des Verbrauchers an das Sehen mit Gleitsicht hängt davon ab, aber auch, für welche Lebenssituationen das Glas optimiert ist. Hier hat jeder Augenoptiker sicher seine Präferenzen. Studium und Berufsausbildung, Außendienst, Brillenglasberatung, Seminare, Messen, Produktvorstellungen – gerade in der Augenoptik ist lebenslanges Lernen wichtig und Gelegenheiten dafür gibt es viele. Lernen ist unverzichtbar, gerade weil bei Gleitsichtgläsern immer wieder neue Designs mit neuen Eigenschaften auf den Markt kommen. Schließlich ist dieses Produktsegment der Innovationstreiber der Branche.

Kuss: Aber auch beim Verbraucher spielt Empathie eine Rolle. So gibt es zu Beginn des Gleitsichtalters – also ab 40 Jahre – eine emotionale Hürde. Gleitsichtgläser sind für viele Verbraucher etwas für alte Leute. Hier ist der Augenoptiker gefragt, um ihnen diese Scheu zu nehmen und ihnen zu vermitteln, wie verträglich und bequem moderne Gleitsichtgläser sind. Und je eher man sich an sie gewöhnt, desto einfacher ist es. Denn auch die Anpassungsfähigkeit des Auges und des Sehverhaltens lässt leider mit dem Alter nach. Es mag auf den ersten Blick nicht so erscheinen. Aber Brillengläser können ein emotionales Thema sein. Das erleben wir auf jeder Veranstaltung. Spätestens bei der ersten Frage zu Gleitsichtgläsern wird jede Diskussion spannend und oft auch sehr emotional.

Schuhe laufen wir bereitwillig ein. Medizinischen Therapien geben wir Zeit. Technik dagegen muss immer sofort funktionieren. Auch Brille soll Plug ’n‘ Play sein. Brauchen wir vielleicht einen Wert/Geduld aufbauenden Beipackzettel für physiologische Erklärungen und Nebenwirkungen? 

Kuss: Ganz klar: Nein. Eine Brille muss bequem und komfortabel zu tragen sein, modisch, individuell. Der Augenoptiker berät ja zu „Wirkungen und Nebenwirkungen“. Wenn er das gut macht und wir Präzisionsbrillengläser liefern, kann und soll der Verbraucher seine neue Brille aufsetzen, optimal sehen und sich einfach wohlfühlen. Gerade bei Gleitsichtgläsern investieren wir viel in Forschung und Entwicklung, um genau das noch besser zu gewährleisten.

Kratzer: Komfortabler, eingewöhnungsfreier Wechsel der Brille – das ist einfach ein Muss. Wer etwa die Fassung wechselt oder eine Zweitbrille nutzt, will sich bei Gleitsicht nicht umgewöhnen müssen. ZEISS hat daher auch mit Adaptation Control eine Technologie entwickelt, bei der die gewohnten Sehbereiche und Progressionskorridore immer gleich sind, so dass ein Umgewöhnen nicht notwendig ist, wenn etwa die Sonnen- oder Autofahrbrille zwischendurch aufgesetzt wird.

Versprochen?! Verschiedene Brillen für verschiedene Situationen und mit dem Versprechen sofort, hier und jetzt optimales Sehen erleben zu können – ohne Gewöhnungs-Diskomfort. Tragen wir doch diese frohe Botschaft zu den Menschen – den Brillenträgern, den Augenoptikern und auch den Augenärzten. Damit gesagt werden kann: Die Technologie ist da. Oder wäre das zu mutig? Noch zu vorlaut? 

Kuss: Wir haben über Augenoptiker und ZEISS als Hersteller gesprochen. Der Dritte im Bunde ist der Verbraucher. Auch er hat erheblichen Einfluss, ob die Eingewöhnung leicht und schnell erfolgt, oder ob es länger dauert. Diese Faktoren sind entscheidend: Regelmäßiger Sehtest, um das Brillenglas rechtzeitig an Veränderungen des Auges anpassen zu können und um zu vermeiden, dass sich das Auge an suboptimale Brillengläser gewöhnt. Auch das ist möglich. Zweitens eine präzise Vermessung ermöglichen. Also sich Zeit für die objektive und subjektive Refraktion beim Augenoptiker nehmen. Drittens gibt es natürlich optimale Präzisionsbrillengläser nicht zum Discountpreis. Gutes Sehen Tag für Tag sollte auch etwas wert sein. Und, last but not least, fällt die Eingewöhnung leicht, wenn rechtzeitig zu Gleitsichtglas gewechselt wird. Mit 40 ist das einfach, mit 70 kann das dann wirklich mehr Übung erfordern.

Kratzer: Bei den neuen ZEISS Digital Brillengläsern für Leute ab Mitte 30, die intensiv ihr Smartphone oder Tablet nutzen, haben wir sogenannte „non-adapts“, also Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung bei weniger als einem von tausend Käufern. Präzision im Design, ein auf Verbraucherverhalten hin optimiertes Brillenglas sowie eine gute Beratung durch den Augenoptiker – dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Haben Sie recht herzlichen Dank. Es hat Spaß gemacht mit Ihnen.  

Das Interview führte Heinz-Jürgen Höninger.

(Das i-view ist ein dialogisches E-Mail-Gesprächsformat, das über Tage geht und somit Zeit für Nachdenken bei Fragen und Antworten gibt.)

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Category: Es wird getalkt, OV

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