Digitale Identitäten: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

// 18. Mai 2018 More

Bei einem integeren Menschen stimmen die persönlich festgelegten Werte mit dem tatsächlichen Handeln überein. Er ist glaubhaft – sich selbst als auch Außenstehenden gegenüber. Viele Augenoptiker deklarieren diese Haltung in der Kommunikation zum Kunden, um sich gegen die Versprechen der billigen Konkurrenz abzuheben. „Wir sind echt. Wir sind fair.“ Sie hoffen, dass die Kunden Integrität bei ihnen suchen. Schon deshalb, weil die sich in dieser Welt aufzulösen scheint.

Nie zuvor hat es so viele Ichs von einer Person gegeben wie in Zeiten des Internets. Ist der, den Sie persönlich kennen, der Gleiche, der sich in sozialen Netzwerken ganz anders zeigt? Online nutzen immer mehr Menschen die Möglichkeit, sich viele verschiedene Identitäten zu erschaffen. Sie bestimmen, wer sie in welchem Kontext sein wollen. Das ist einerseits eine Herausforderung für Werbetreibende, die potenzielle Kunden in jedem Bereich gezielt ansprechen möchte, andererseits eine Chance für diese. Denn so viel wie heute haben sie zuvor noch nie von sich preisgegeben.

Vor Kurzem habe ich ein Buch gelesen, in dem es um eine junge Frau ging, die nach der Trennung von ihrem Freund ihr analoges und ihr digitales Leben wieder auf die Reihe bekommen muss. Eine satirische, aber keinesfalls anspruchsvolle Lektüre, immer wieder so nahe an der Realität, dass mir das Lachen wörtlich im Halse stecken blieb: Verzweifelt versucht die junge Frau, die Schmach zu verarbeiten, die Verlassene zu sein – er hatte öffentlich über Facebook-Schluss gemacht, natürlich! –, und das digitale Bild von sich aufrecht zu halten. Da werden perfekte Instagram-Bilder von der großen Geburtstagsparty mit Freunden inszeniert, obwohl niemand da ist, und Snaps mit einem hübschen neuen Mann verschickt. Zum Glück erkennt am Foto ja keiner, dass der Typ ein strohdummer Egoist ist. Blöd läuft es schließlich, als fleißige YouTuber den Alkoholabsturz der Verzweifelten online stellen – und das Video zum viralen Hit wird.

In der Geschichte lassen sich analoge und digitale Identität nicht mehr trennen. Die realen Erlebnisse brechen immer wieder ein in das schöne digitale Image, das im Gegenzug durch immer neue gestellte Bilder rekonstruiert wird. Es ist eine Geschichte und zugleich Realität: Die heutige digitale Welt konfrontiert uns immer wieder mit der Frage nach der eigenen Identität – immer dann, wenn wir Inhalte veröffentlichen oder unsere Profile in den sozialen Netzwerken verändern. Sie gibt uns aber auch die Möglichkeit, die eigene Identität weiterzuentwickeln. Aus der klassisch philosophischen Frage „Wer bin ich?“ wird online „Wie will ich von anderen gesehen werden?“, und in letzter Konsequenz vielleicht sogar „Wer will ich werden?“.

Das Internet ist eine große Spielwiese, auf der wir uns ausprobieren können, Seiten von uns zeigen können, die wir im Alltag nicht ausleben. Wir können uns mutiger, schlagfertiger oder sensibler zeigen, als wir wirklich sind. Wir können uns schöner und unser Leben perfekt darstellen. Oder wir können aggressiv im Kurznachrichten-Stil so richtig vom Leder ziehen. Kann ja notfalls hinterher alles wieder dementiert werden.

Allerdings scheint es eine untrennbare Verbindung zu geben: Die analoge Identität mag die digitalen zwar erschaffen und steuern, doch kann sie davon nicht unbeeinflusst bleiben. Die digitalen Bilder, die oft idealisiert sind, wirken zurück wie bei einer Rückkopplung. So fand der Medienwissenschaftler Nick Yee (Stanford University) in einer Studie heraus, dass Menschen mit einem attraktiven Profilbild schneller mit anderen intim wurden und bereitwilliger Inhalte aus ihrem wirklichen Leben mit Fremden teilten. Personen mit auffällig großen Profilbildern verhielten sich zunehmend unfair in Verhandlungen. Zwei Jahren nach der Studie habe sich zudem gezeigt, dass die Probanden die online gelernten Verhaltensweisen im wahren Leben beibehielten. Dennoch: Wir können uns online vielleicht als völlig andere Menschen zeigen, doch wenn Online-Identität und reale Persönlichkeit bzw. das, was uns passiert und damit ausmacht, zu weit auseinanderklaffen, kann dieser Gegensatz auf Dauer nicht aufrechterhalten werden.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Internet sich von seinen anonymen Anfängen zu einem virtuellen Raum entwickelt hat, in dem sich das Offline-Leben spiegelt und sich zunehmend echte Menschen treffen. Freunde, Familienmitglieder und Kollegen teilen Fotos, Videos und Kommentare, Statusmeldungen und Tweets. Formen damit ein meist idealisiertes Bild der Wirklichkeit. Die digitalen Identitäten ähneln der realen, verändern sie vielleicht, verifizieren sie aber auch.

Wer da nicht mitmacht, ist der noch existent in der modernen digitalisierten Gesellschaft? Wer weiß. Es zeigt sich zumindest, dass viele von denen, die sich lange Zeit diesem großen Online-Zirkus verweigert haben, heute mittendrin sind. Entkommen kaum möglich – vielmehr kaum gewollt? Mal offline Urlaub scheint  das höchste der Gefühle zu sein. Und so verlässt auch die junge, leidgeprüfte Frau aus der Geschichte die digitale Welt nicht. Sie wechselt nur von den bildlastigen sozialen Medien zum textlastigen Blog über ihr Leben.

Kommentar: Sandy Hedig

Zuerst erschienen in OPTIC+VISION 4-2017.
Bild: bigstockphoto.de

Category: Branche + Ideen, Wir kommentieren

Comments are closed.

[adrotate group="10"]
not for smartphones