Abenteuer Kinderoptik

// 30. November 2018 More

Kinderoptiker Friedemann Bruske. Foto: Optic+Vision

 

„Andere Optiker haben eine Kinderecke. Wir haben eine Erwachsenen-Ecke. Und das ist bewusst so gewählt.“ Augenoptikermeister Friedemann Bruske ist in Berlin einer der Spezialisten für Kinder- und Babybrillen. Der Weg dorthin war lang, sagt er. Aber es hat sich gelohnt. OPTIC+VISION traf ihn in seinem Geschäft im Stadtteil Friedenau.

Es war um das Jahr 2001, als Friedemann Bruske spürte, dass er geschäftlich etwas ändern sollte. Damals traf er eine Entscheidung, die über die Jahre das Profil seines Optik-Fachgeschäftes völlig umkrempelte, Schritt für Schritt. Alles fing klein an – mit einer Kinderecke in seinem damaligen Laden. Über die Jahre entwickelte sich das Sortiment. Nach einem Geschäftsumbau 2005 sah man die Kinder dann schon in einer großen Spielecke im Schaufenster sitzen. Durch Mundpropaganda wurde Bruske zum gesuchten Spezialisten, der von Eltern, Kinder- und Augenärzten, Kliniken und Therapeuten weiterempfohlen wird. Schließlich wurde die Anpassung von Kinder- und Babybrillen nach einem Umzug in die derzeitigen Räume in Friedenau sein Kerngeschäft: Seine Hauptzielgruppe ist heute 0 bis 6 Jahre jung. Für ältere Kinder bietet er Kinderoptometrie an. Auch die Anfertigung von Spezialgläsern in der eigenen Werkstatt gehört zum Repertoire.

An diesem sonnigen Herbsttag nimmt die Erwachsenen-Optik nur noch einen kleineren Bereich des Ladens ein. Doch diese Erwachsenen-Ecke bleibt wichtig: Schließlich kommen jahrelange Stammkunden weiterhin und auch zufriedene Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten wollen eine von seinem Team liebevoll angepasste Brille. „Es hat viele Jahre gedauert, bis es erfolgreich war“, sagt Bruske gleich zu Beginn. An Gleitsichtbrillen könne man sicher mehr verdienen. Doch sei Kinderoptik weiterhin das, was er und seine sieben mitarbeitenden Optiker/innen machen möchten.

Herr Bruske, worauf kommt es bei Kinderbrillen an?

Natürlich soll eine Kinderbrille strapazierfähig sein, aber das wichtigste ist, dass sie gut sitzt und zur kindlichen Anatomie passt. Kinder haben kleine, flache Nasenrücken und noch dazu häufig lange Wimpern. Da sitzt die Brille oft so dicht am Auge, dass die Wimpern zum Problem werden. All das will bei der Konstruktion einer Kinderbrille berücksichtigt sein. Auch die Breite ist ein Punkt: Die Bügel sollen möglichst nicht an den Schläfen anliegen oder gar einschneiden, aber auch nicht zu weit abstehen, weil gerade kleine Kinder noch viel liegen und auf dem Boden herumrollen. Das kann man durch die Größe und das Material lösen. Für Babys gibt es deshalb Brillen aus Plastik, ohne Scharniere und mit elastischen Bändern. Normale Kinderbrillen haben die meisten Optiker als Beiwerk, aber sobald es um Babybrillen geht, wird es dünn. Im Gegensatz dazu haben wir gerade in diesem Bereich ein großes Sortiment.

Wie sind Sie zum Spezialisten geworden?

Es hat sich so ergeben. Je mehr man auf dem Gebiet macht, desto häufiger kommen auch ganz kleine Babys mit angeborenen Sehfehlern, wie zum Beispiel dem grauen Star, oder auch Kinder mit Behinderungen zu uns. Sie werden häufig von den Kliniken direkt an uns verwiesen. Da muss man manchmal Fassungen speziell anfertigen und auch spezielle Gläser selbst bauen – die man teilweise zwar auch von der Industrie beziehen könnte – aber weil das sehr schwierig ist, machen wir das in vielen Fällen selbst. Die Werte dafür bekommen wir von Augenärzten und Kliniken. Sehen muss erst gelernt werden – bei kleinen Kindern kommt es manchmal auch nicht auf eine viertel Dioptrie an, sondern darauf, ihnen das Sehen überhaupt zu ermöglichen, damit sie eine gute Basis haben, es gut erlernen zu können.

Wie sieht Ihre Arbeit handwerklich aus?

Wegen der speziellen Anatomie des Kindergesichtes müssen Fassungen oftmals geändert  werden – Glasform verändern, Stege  tauschen oder abschleifen und Umlegebügel oder Brillenbänder montieren.Das ist zwar alles kein Hexenwerk und jeder Optiker könnte es tun, aber sehr häufig wird es unterlassen, weil die Erfahrung oder einfach nur die Zeit fehlt. Für Kinder mit Down-Syndrom und auch an asiatische Kinder, die fast keinen Nasenrücken haben, verkaufen wir teilweise Fassungen aus einer speziellen amerikanischen Kollektion, die für Down-Syndrom-Kinder entwickelt wurde. Da ist dann der Nasensteg extra tiefer gelegt, die Bügelbacken weiter ausgestellt und die Glasformen an die spezielle Anatomie angepasst. Diese Brillen vertreiben wir übrigens im deutschsprachigen Raum, weil wir wissen, dass jeder Optiker sie gelegentlich mal braucht. Auch die Durchmesseroptimierung von Gläsern ist für uns etwas Selbstverständliches, denn „Glasbausteine“ auf der Nase lassen sich auch ohne großen finanziellen Aufwand vermeiden – man muss sich nur darüber Gedanken machen.

Lohnt es sich finanziell?

Finanziell ist es ok. Viele Optiker verkaufen Kinderbrillen häufig nebenbei und mit dem Gedanken, dass man nichts daran verdient. Natürlich müssen wir die Preise so kalkulieren, dass es sich für uns rechnet. Trotzdem haben wir spezielle Kinderpreise, da die Kinder wachsen und häufiger neue Brillen brauchen. Wir achten darauf, dass es für die Eltern erschwinglich bleibt. Von Aktionsangeboten, wie sie häufig von Großanbietern gemacht werden, halte ich nichts; der niedrige Preis ist auf Dauer kein Erfolgsgarant, dafür aber die Spezialisierung und das überzeugend große Angebot.

Ein oft gehörtes Vorurteil lautet, dass bei der Kinderoptik das eigentlich Schwierige die Eltern sind. Was sagen Sie dazu?

Das kann ich so nicht bestätigen. Die Eltern sind fast immer dankbar, dass wir uns ihrer Kinder annehmen, was in den Geschäften vieler Großanbieter in dieser Form nicht möglich ist. Diese Dankbarkeit ist schön und wird auch geäußert! Und wir hören auch oft: „Jetzt haben Sie sich so toll um mein Kind gekümmert, diese Beratung will ich auch.“ Deshalb auch unser Motto: „Familien sehen“. Es bedeutet, dass wir die Familien sehen und uns das gute Sehen aller Familienmitglieder am Herzen liegt. Leute mit Kindern können sich bei uns in Ruhe ihre Brille aussuchen und ihre Kleinen können hier nebenbei spielen. Viele unserer Kunden sagen uns, dass sie sich gut aufgehoben fühlen, weil sie mit ihren Bedürfnissen gesehen werden.

Warum wird die Kinderbrille in der Industrie nur wenig beachtet?

Für viele Fassungshersteller fängt die Altersskala erst bei den Teenies an. In Richtung Schulkinder, Kleinkinder und Babys lohnt sich eine Produktion nur in entsprechender Menge, weshalb die Anzahl der Hersteller mit einer größeren Auswahl an Kleinkind- und Babybrillen gerade eher weniger wird, obwohl die Zahl der Kleinkinder und Babys mit Brille zunimmt. Das liegt meines Erachtens daran, dass heute bei Vorsorgeuntersuchungen mehr auf visuelle Fähigkeiten und Auffälligkeiten geachtet wird. Für uns wird es daher immer schwieriger, Kinder und Babybrillen in guter Qualität zu finden. Eine Kinderbrille soll natürlich am besten alles können und mitmachen, aber möglichst nichts kosten. Wahrscheinlich könnte auch ich mehr Geld mit Gleitsichtbrillen verdienen, aber vom Spaß bei der Arbeit und vom Ansatz her ist Kinderoptik das, was mir liegt. Darauf möchte ich nicht verzichten. Und wenn ich mir anschaue, wie durch die digitalen Medien die Kurzsichtigkeit bei Kindern immer früher Thema wird, habe ich den Eindruck: da kommt noch einiges auf uns zu.

Wie sieht der Erfolg eines Kinderoptikers aus?

Es gibt manchmal Kinder, bei denen dank der neuen Brille richtig was passiert und die vergisst man nicht. Zum Beispiel den Zehnjährigen, der seine erste Brille mit -1,5 Dioptrien bekam und völlig begeistert alles bestaunte, was er jetzt scharf sehen konnte – und beim Blick nach oben bemerkte: „Wow, da oben, der ganze Staub!“. Meine Frau schlug daraufhin lachend vor: „Oh, oh, dann guck bitte schnell mal raus.“ Wir hatten auch ein sehbehindertes Kind, das ständig die Augen zusammenkniff und wegen seiner Lichtempfindlichkeit spezielle Kantenfilter brauchte. Kaum hatte es die Brille auf, machte es spontan die Augen auf. Das sind die schönsten Momente, einen Volltreffer zu landen.

Diese Art von Arbeit macht mir einfach Spaß. Aber es ist auch eine Entscheidung und man muss es auch wollen und können! Denn wenn man viel in die Hocke geht, mit den Kindern am Boden sitzt und ihnen Brillen anprobiert, während sie Lego spielen, muss man körperlich fit sein. Gerade bei kleinen Kindern verkaufen wir die meisten Brillen in der Spielecke, wo sich auch die Eltern dazusetzen. Das ist übrigens der Grund, warum unsere Möbel überwiegend von Ikea sind und es keinen speziellen Ladenbau gibt. Es soll eine entspannte Wohlfühlatmosphäre wie zu Hause sein.

Und die Kinder bleiben auf diese Weise bei Laune?

Die Beratung ist in der Regel mindestens genauso zeitintensiv wie bei Erwachsenen. Manchmal brauchen die Kinder auch einfach eine Pause zum Spielen oder man muss sogar an einem anderen Tag weitermachen. Und einige ganz Kleine bekommen auch schon einmal schlechte Laune, wenn ihnen fremde Leute im Gesicht herumhantieren. Das kann dann auch anstrengend sein und man muss es aushalten können, wenn der Lärmpegel relativ hoch ist. Nachmittags oder auch am Wochenende ist hier wirklich viel los. Aber ich habe den Eindruck, alle meine Mitarbeiter/innen schätzen es sehr und ich glaube, dass sich kaum jemand vorstellen kann,  in die Arbeit mit überwiegend Erwachsenen zurückzukehren. (jd)

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Category: Branche + Ideen

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