Wie sehen Farbenblinde die Welt?

// 4. April 2019 More


Viele Farben eines blühenden Gartens bleiben dem farbfehlsichtigem Auge verborgen.
(Alle vergleichenden Fotos: Lenstore.)

Farbblindheit betrifft jeden zwölften Mann (8%) und eine von 200 Frauen. Was dies für die Betroffenen bedeutet, können sich Normalsichtige nur schwer vorstellen. Lenstore hat deshalb zusammen mit der britischen Organisation Colour Blind Awareness ein Photo-Projekt verwirklicht, dass berühmte Orte aus der Sicht von Farbenblinden zeigt – und der amerikanische Hersteller EnChroma hat sich auf Brillen spezialisiert, die Farbenblinden helfen.

Zusammen mit der britischen Charity-Organisation Colour Blind Awareness hat der Onlinehändler Lenstore ein Projekt verwirklicht, dass berühmte Sehenswürdigkeiten aus der Sicht von Farbenblinden zeigt. Mit einer speziellen Software wurden 30 Sehenswürdigkeiten fotografisch bearbeitet, um den Sinneseindruck wiederzugeben, den Farbfehlsichtige erleben: Merkwürdig trübe und schal wirken die Landschaften und Gebäude, oft haben sie einen Gelb- oder Grünstich, im Fall von Blaublindheit sind sie überwiegend pink und grau. Wenn man mit der Maus über die Bilder im Internet fährt, sieht man die Normalsicht und die Farbfehlsichtigkeit in Gegenüberstellung.

Rund 300 Millionen Menschen weltweit sind von dem Problem betroffen, dass sie Farben anders und weniger differenziert wahrnehmen. Bei der überwiegenden Mehrheit ist die Erkrankung genetisch bedingt und von mütterlicher Seite vererbt. Aber auch durch Krankheiten wie Diabetes und Multiple Sklerose kann man farbenblind werden. Bei manchen Menschen entsteht der Defekt im Laufe der Zeit durch Alterung, Medikamente und ähnliches.

Wie drückt sich Farbenblindheit aus?

Die meisten farbenblinden Menschen sehen Gegenstände ähnlich präzise wie andere Menschen, ihr Problem ist jedoch die vollständige Wahrnehmung von roten, grünen oder blauen Lichtwellen, was durch fehlende Zäpfchen in der Retina verursacht wird. Normalsichtige können bis zu 1 Million verschiedene Farbabstufungen wahrnehmen. Farbfehlsichtige nur 10.000 Abstufungen – ein Prozent des Spektrums. Dies lässt sich gut am Beispiel Buntstifte erklären: Von einer Box mit 24 Farben können die meisten Rot-Grün-Blinden nur fünf Stifte identifizieren, weil sie Mischfarben nicht richtig erkennen können.Blau und Lila werden zum Beispiel verwechselt, weil die Augen den Rotanteil der Farbe Lila nicht wahrnehmen können – und so ähnlich verhält es sich sobald es um Rot, Grün, Orange, Braun, Violett, Rosa und Grau geht. Selbst Schwarz kann mit Dunkelgrün oder Dunkelblau verwechselt werden.In ganz seltenen Fällen sehen Betroffene lediglich ein Schwarz-Weiß-Grau-Spektrum und überhaupt keine Farben mehr.

Das Paradoxe an dem Phänomen: Den Betroffenen ist dies oft nicht bewusst. Rund 40 Prozent aller farbenblinden Schüler, die derzeit Abitur machen, wissen nicht, dass sie farbenblind sind. Trotzdem haben 60 Prozent aller Betroffenen viele Probleme im Alltag – das zeigt sich besonders dann, wenn Farbe zur Orientierung verwendet wird, wie zum Beispiel in Grafiken und auf Hinweisschildern. Auch beim Einkaufen von Lebensmitteln und Kleidung kann es Missverständnisse geben. Genauso beim Autofahren, im Sport (egal ob man selbst aktiv ist oder zuschaut), bei der Gartenarbeit und bei der Nutzung von allerlei Anleitungen und Karten.

Aus diesen Alltagshürden ergeben sich berufliche Einschränkungen: Als Sanitäter oder Feuerwehrmann/frau, Elektrofachkraft, Pilot, Lokführer muss man perfekt sehen können. Auch Berufe in Medizin, Design, Informations- und Kommunikationstechnologie scheiden aus, genau wie Schifffahrt und Gärtnerei. Oft fehlen geeignete Hilfsmittel ohne die bestimmte Situationen nicht bewältigt werden können. 

Farbenblinde Künstler

Allerdings gibt es einige Künstler, die farbfehlsichtig und trotzdem sehr erfolgreich sind. So zum Beispiel der amerikanische Kinderbuch-Illustrator Loren Long oder der Installationskünstler Luke Jerram, dessen Werke sehr farbintensiv sind. Inspiriert von seiner Farbfehlsichtigkeit interessieren Luke besonders die Grenzen der visuellen Wahrnehmung. Im Sommer 2018 verwirklichte „The Impossible Garden“ – zwölf experimentelle Kunstinstallationen im Botanischen Garten von Bristol. Dabei sprühte er unter anderem auf eine grüne Hecke den roten Schriftzug „Is this red?“. Unterstützt wurde das Projekt von EnChroma, einem US-amerikanischen Hersteller, der auf Brillen für Farbenblinde spezialisiert ist. An jeder Station des Gartens lag eine Brille, mit der Farbfehlsichtige sich die Kunstinstallationen anschauen konnten. Auch Luke Jerram sagte: „Diese Brillen haben mir die Welt in neuem Licht gezeigt. Zum ersten Mal konnte ich den Jahreszeitenwechsel in der Landschaft wahrnehmen. Ich hatte keine Ahnung, wie viele verschiedene Grüntöne Bäume haben.“

EnChroma wurde übrigens durch Zufall erfunden: Der Erfinder Don McPherson hatte in den 90er Jahren eine Schutzbrille entwickelt, die Chirurgen bei OPs mit Laser-Technologie verwendeten. Bei einem Sporttunier gab er die Brille einem Farbenblinden Freund, der daraufhin zum ersten Mal orange Kegel auf grüner Wiese sehen konnte. Es dauerte noch neun weitere Jahre, bis EnChroma marktreif war. Und dann hatte die Spezialbrille immer noch ein Problem: Die Kunden glaubten zunächst nicht an ihre Wirkung. EnChroma kam deshalb auf die Idee, jede Brille mit einem Set von bunten Luftballons zu verschicken und die Empfänger aufzufordern, ihre farbenblinden Angehörigen zu filmen, während sie die Brille zum ersten Mal ausprobierten. Diese emotionalen Videos wurden dann die beste Werbung. Vor kurzem präsentierte EnChroma seine Speziallinsen auf ähnliche Weise auf der Mailänder Mido. Farbfehlsichtige probierten live vor Publikum zum ersten Mal die Brillen aus und konnten damit zum ersten Mal im Leben Rot von Grün zu unterscheiden oder Blau von Lila. Die Technologie filtert genau die Lichtwellen heraus, welche die Wahrnehmung von Farbfehlsichtigen verwirren oder überstrapazieren. So werden die Lichtfarben differenzierter dargestellt und können besser wahrgenommen werden. Dies ermöglicht einem ganz neue Freiheit – nicht nur beim Kaufen von Bekleidung sondern auch, wenn man zum Beispiel beim Cricket den traditionell roten Ball auf grüner Wiese kaum erkennt. EnChroma nutzt Erkenntnisse aus Naturwissenschaften, Optik, Mathematik und mehr als 10 Jahren klinischer Forschung, um Produkte zu entwickeln, die Farbfehlsichtigkeit ausgleichen. Der Hersteller versendet seine Spezialbrillen weltweit und mit 60-Tage-Rückgaberecht, damit man genug Zeit zum Ausprobieren hat.


Farbenblinde können mit EnChroma-Spezialbrillen Farben unterscheiden, wie nie zuvor. Foto: EnChroma

Arten von Farbfehlsichtigkeit

Bei der Protanopie (Rotblindheit) fehlen die L-Zapfen in der Retina, die für die Verarbeitung von langwelligem Licht verantwortlich sind. Das Licht, dass die L-Zapfen anregt, liegt hauptsächlich im roten Spektrumsbereich. Protanope haben deshalb Schwierigkeiten, zwischen Rot und Grün sowie zwischen Blau und Grün zu unterscheiden. Die abgemilderte Form hiervon ist die Protanomalie (Rot-Sehschwäche.)

Die normale Sicht auf einen holländischen Tulpen-Garten.
Das Bild aus Sicht eines Rotblinden.


Bei der Deuteranopie (Grün-Blindheit) fehlen die sogenannten M-Zapfen, die hauptsächlich auf Licht im grünen Farbbereich reagieren. Für Deuteranope ist es schwieriger, Grün von Rot und Blau zu unterscheiden. Neben Protanopie ist dies die am meisten verbreitete Art von Farbenblindheit. Als Grün-Sehschwäche heißt sie Deuteranomalie. Hier als Beispiel ein Foto aus Barcelona:

Normale Farbwahrnehmung
Gesehen mit Deuteranopie

Bei der Tritanopie (Blau-Blindheit) fehlen die K-Zapfen, die für die Verarbeitung von kurzwelligem Licht zuständig sind. K-Zapfen werden hauptsächlich von Licht im blauen Farbbereich angeregt. Tritanope haben Schwierigkeiten, zwischen blauen und gelben Farbtönen zu unterscheiden. Sie sehen statt Blau eine Mischung aus Türkis und Grau, deshalb verwechseln sie oft Grün mit Blau und Lila mit Schwarz. Die abgemilderte Form, bei der noch ein Hauch von Blau und Lila erkennbar sind heißt Tritanomalie (Blau-Sehschwäche) noch ein Hauch von Blau und Lila erkennbar sind heißt Tritanomalie (Blau-Sehschwäche). Das verursachende Gen liegt auf dem 7. Chromosom und nur 0.005 Prozent aller Menschen sind betroffen.

Der Bazar in Istanbul aus normaler Sicht …
… und mit Tritanopie.

Achromasie ist die vollständige Farbenblindheit, bei der nur Kontraste (hell-dunkel) wahrgenommen werden können.

Das gesamte Foto-Projekt kann man hier ansehen:https://www.lenstore.de/vc/farbwechsel/

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