Halte durch bis zum WELTERFOLG! – 20 Jahre Silhouette TMA

// 30. Juli 2019 More
Gerhard Fuchs. Foto: Silhouette

Echte Innovationen brauchen Zeit, sagt Erfinder und Designer Gerhard Fuchs. Er muss es wissen: Vor zwanzig Jahren brachte er die Silhouette Titan Minimal Art zur Marktreife – eine Brille, an die keiner geglaubt hatte und die zum Welterfolg wurde. Ein Gespräch über das Vertrauen ins Unmögliche.

Herr Fuchs, was hat Sie dazu getrieben, einen Welterfolg wie die TMA zu entwickeln?

Bei all den Brillen, die ich entwickelt habe, war es für mich immer wichtig, etwas zu erfinden, das anders und nachhaltiger ist und noch besser funktioniert. Ein Design, das lediglich ein bisschen anders ausschaut, war mir definitiv zu wenig. Denn für mich macht es keinen Sinn, dass man heutzutage so viele Produkte auf den Markt wirft, die überhaupt nicht besser sind als die alten. Die eigentliche Herausforderung beim Erfinden ist jedoch, dass sich nur einer von hundert Mitmenschen etwas völlig Neues vorstellen kann. Nur ein Prozent kann eine Innovation und ihre Wirkung geistig erfassen. Denn etwas einzuschätzen, das noch nicht existiert, ist sehr schwer.

Wie kam die Initialzündung für die TMA?

Die Geschichte der TMA hat sehr früh angefangen. 1991 war ich noch sehr frisch im Design und Silhouette konzentrierte sich auf Trendkollektionen. Mein Fokus  war damals Minimalismus und Reduktion. Dafür habe ich eine Brille entwickelt, die „Minimal Art“ hieß. Sie war eigentlich nur ein Draht, der durch‘s Gesicht lief, an dem die Gläser befestigt waren. Sie hatte kein Scharnier, stattdessen eine seitliche Federzone und sonst nichts – sie war die absolute Reduktion einer Brille. Doch diese neue Kollektion erfüllte noch nicht alle technischen Qualitätsansprüche.1993 bekam ich dann von unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung ein Material, das sich als extrem flexibel erwies. Das hat mich angespornt, einen neuen Prototyp zu bauen. Und immer wenn Arnold Schmied Senior, der Firmengründer von Silhouette International, die Versuche bei uns im Musterbau gesehen hat, meinte er: „Bitte tun Sie das weg, das ist keine Brille. Das kann man weder aufsetzen noch verkaufen …“ Er war gegen diesen Brillentypus. Deswegen haben wir die TMA dann heimlich gebaut. Immer wenn er im Urlaub war, haben wir an einem Prototyp gebastelt, der 1996 fertig war. Doch dann durften wir sie immer noch nicht verkaufen, weil er dem Produkt weiterhin misstraute.

Eine klassische Silhouette TMA. Foto: Silhouette

1997 habe ich dann eine andere Brille entwickelt, die so ähnlich war. Sie war ebenfalls minimalistisch, hieß „Titan Next Generation“, hatte aber ein kleines Kunststoff-Scharnier an der Seite und war deshalb vom Design her nicht ganz so radikal. Diese Brille kam als erstes auf den Markt und war sofort ein Erfolg. Und dann erst war das Vertrauen da, die TMA wenigstens probeweise auf den Markt zu bringen. „Ok, wir werden wohl nichts verkaufen, aber probieren wir es aus“, war die Meinung. Sogar Arnold Schmied Senior war einverstanden . Und dann verkauften wir gleich im ersten Jahr eine Million Brillen! Das war der Wahnsinn. Die Firma vervielfachte ihre Umsätze innerhalb von wenigen Jahren. Es war unglaublich, wie die TMA durch die Decke ging: Stars hatten sie auf, sie war in Kino- und Fernsehfilmen zu sehen, eine Königin und Präsidenten trugen die TMA.

Dieser Welterfolg war schon schräg … ich hatte zwar damit gerechnet, dass die TMA ein Problemlöser ist und alters-, zeitlos und geschlechtlos funktioniert. Aber dass sie so durch die Decke ging, hätte selbst ich nicht geglaubt. Und Silhouette hat es erst recht nicht geglaubt, denn die Geschäftsführung schätzte, dass wir vielleicht 10.000 Stück verkaufen würden – und jetzt sind wir mittlerweile bei 12 Millionen. Allein im ersten Jahr waren es eine Million verkaufte Brillen.

Sie haben die Brille heimlich am Chef vorbeigemogelt, weil er sie nicht mochte?

Richtig. Das hat er sogar bei einem internationalen Marketingmeeting erzählt, als er schon über achtzig Jahre alt war. Da gab er offen zu, dass er die TMA nicht gewollt  und sie uns eigentlich verboten hatte. Sein Sohn hat mir dann später einen Maria-Theresia-Orden als Dankeschön geschenkt – sozusagen als Dank für die Tapferkeit und erfolgreiche Befehlsverweigerung.

TMA Special Edition 2019

Und zuerst hattet ihr ein Produkt verkauft, das so ähnlich war?

Das ist meistens so. Die Idee kann zwar schon gut sein, aber dann gibt es noch technische Probleme. Und dann ist es oft so, dass man sich nicht traut, es noch mal anzupacken, obwohl es nur an einer Kleinigkeit liegt. Gott sei Dank haben wir bei der TMA im kritischen Moment weitergemacht! Der Zeitpunkt der Marktreife war dann offensichtlich der Richtige und die TMA passte genau zum Zeitgeist. Randlose Brillen wurden damals gerne getragen. Zuvor waren nämlich eher markantere Brillen angesagt und die Leute wollten endlich mal wieder etwas Unsichtbares.

Was ist das Geheimnis der TMA?

TMA Special Edition 2019

Das Besondere an der TMA ist, dass sie so gut sitzt. Der gleichmäßige Druck, der von der Federzone ausgeht, hält die Brille sicher am Kopf. Wenn man sich zum Beispiel schüttelt oder den Kopf vornüber neigt, fällt die Brille nicht runter. Das ist ein ganz neuer Tragekomfort, an den bis heute keine andere Brille heranreicht, und ein echter Problemlöser.

Wie wichtig waren Stars als Werbeträger?

Unsere Brillen wurden von relativ vielen Hollywood-Schauspielern getragen, da haben wir echt Glück gehabt. Viele der Stars haben ihre TMA auch privat getragen. Das ist natürlich das größte Kompliment. Und so eine Sache muss von selbst passieren, denn einen Star zu bezahlen, damit er dein Produkt trägt, kostet enorm.

Wie macht man als Erfinder weiter, wenn man so einen Hit gelandet hat? Was kommt danach?

Wir arbeiten bei Silhouette weiterhin mit der Philosophie, etwas zu entwickeln, das noch besser und noch leichter ist, außergewöhnliche Scharniere oder Farbgestaltung hat. Da sind wir schon sehr engagiert.

Ich hatte über die Jahre auch sehr viele adidas-Modelle entwickelt und durch Einsatz neuer Techniken daran gearbeitet, die Performance der Brillen beim Sport zu verbessern. Mountainbiken, Kite-Surfen und Snowboarden mache ich ja alles selbst ein bisschen. Deshalb habe ich  auch einen Golfkurs für die Platzreife absolviert, als ich meine erste Golfbrille entwickeln sollte. Schließlich kann ich ja kein Produkt für einen Zweck erfinden, den ich nicht kenne und verstehe. Denn ich bin eigentlich mehr Erfinder als Designer. Form und Style folgen dem Zweck.

Was haben Sie sonst noch erfunden?

Für Swarovski habe ich zum Beispiel Kristallschliffe entwickelt. Und vor kurzem habe ich die Trinkflasche „Nuapua“ auf den Markt gebracht, die Wasser mit natürlichem Geschmack veredelt, für zuckerfreien Trinkgenuss. In Österreich und der Schweiz sind wir damit schon gut auf dem Markt. Ich bin überzeugt, dass diese Flasche genauso erfolgreich wird, wie die TMA von Silhouette. Denn auch hier hatten wir am Anfang ein paar technische Problemchen zu überwinden. Es wiederholt sich die gleiche Geschichte: Gerade erobern wir ein neues Level, wo wir alles ein bisschen „redesignen“. Und da kommt noch etwas Neues. Und das wird NOCH besser.

Ist der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Kreativen und dem wahren Innovator, dass er dranbleibt, auch wenn es schwierig wird?

Ja, so einer bin ich. Ich bleibe ewig dran. Das war auch bei der TMA  so. Man muss fast immer zehn Jahre an einer Sache dranbleiben, um den Durchbruch zu schaffen. Und auf dem Weg zu diesem Durchbruch gibt es ganz viele Leute, die hinschmeißen und sagen: „Das ist Mist, das bringt nix, das wird nix …“ Da musst du ständig wieder aufstehen, wieder neu daran arbeiten und von Neuem an dein Ziel glauben. Besonders am Anfang ist es sehr schwer, wenn du weißt: „Diese Idee könnte eine super Sache werden“,  und um dich herum sieht keiner das Potential. Das ist echt schwer. Aber mittlerweile kenne ich das ja und habe Erfahrung.

Was erfinden Sie, wenn Sie nicht an Brillen tüfteln?

Ich hab noch tausend Sachen auf Lager. Seit zehn Jahren habe ich zum Beispiel ein Konzept in der Schublade, wie man Kraftwerke komplett neu gestalten könnte. Kombinationskraftwerke aus Wind, Wellen und Sonne und Speicher. So etwas gibt es noch nicht am Markt. Laut meiner Theorie funktioniert es. Aber da braucht man sehr viel Geld und die richtigen Firmen, um das zu realisieren. Oder ich habe mir Luftschiffe ausgedacht, die ohne Energie fliegen.

Vielen Dank für diese spannende Geschichte!

Zur Person:

Gerhard Fuchs begann 1981 eine Werkzeugmacherlehre bei Silhouette International und tauchte 1988 erstmals in die Welt der Malerei und des Designs ein. Schon bald erkannte Silhouette Gründer und Eigentümer Arnold Schmied Senior das besondere Talent des jungen Mannes aus Linz und förderte ihn. Ab 1990 wurde Fuchs Teil des Silhouette Designteams und gewann in Folge zahlreiche internationale Designauszeichnungen, die erste im Jahr 1992 für die Kollektion „Minimal Art“. 1999 kam der große Durchbruch mit der „Titan Minimal Art“. Über den Welterfolg seiner Brillen sagt er: „Es ist schon sehr schön, wenn man sich im Flugzeug umdreht und zehn Leute tragen das Produkt, dass du dir ausgedacht hast.“

Das Interview führte Rosemarie Frühauf /

Erschienen in OPTIC+VISION Creative Edition 2019

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